Kommentar: Liebesbriefe aus dem Kanzleramt

Wolfgang Kralicek | Kultur | aus FALTER 32/00 vom 09.08.2000

Selten hat ein Text des Schriftstellers Michael Scharang so viel Aufsehen erregt wie ein Brief, den er am 21. Juni dieses Jahres geschrieben hat. Brisant daran ist weniger der Inhalt als der Adressat: Der Brief ist an Bundeskanzler Wolfgang Schüssel gerichtet. In dem vorige Woche in Format veröffentlichten Schreiben berichtet Scharang von zwei Treffen einiger Schriftsteller mit dem Kunststaatssekretär Franz Morak, in denen dieser sich als "umgänglich, uneitel, sachkundig und der ihm anvertrauten Sache ergeben" erwiesen habe. Mit der Bestellung Moraks habe Schüssel "eine glückliche Hand bewiesen".

Dass Scharang eine Affinität zu Morak hat, ist seit einem empathischen Cover-Text für dessen LP "Sieger sehen anders aus" von 1983 bekannt ("Morak macht Widerstand") und sein gutes Recht. Auch dass Scharang offensichtlich keine Scheu hat, sich bei den neuen Machthabern beliebt zu machen, ist zunächst einmal seine Privatsache.

Interessant ist der Text deshalb, weil er auf ein grundsätzliches

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