Aufgeblättert

Kultur | Klaus Taschwer | aus FALTER 32/00 vom 09.08.2000

Der erste Satz ist auch der Titel: "Ich gehe jetzt". Mit diesen Worten verabschiedet sich der Pariser Kunsthändler Felix Ferrer aus seiner Ehe mit Suzanne. Ferrer flüchtet damit nicht nur aus der zur Konvention erstarrten Beziehung, sondern bald auch aus Paris: Ein halbes Jahr später geht es in die kanadische Arktis, auf der Suche nach einem verschollenen Schiff, auf dem angeblich prähistorische Kunstgegenstände lagern. Ferrer findet den Schatz, kehrt mit ihm nach Frankreich zurück, wo ihm die unermesslich wertvolle Beute jedoch bald gestohlen wird. Eine Verfolgungsjagd beginnt. "Ich gehe jetzt", im Vorjahr mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet, ist ein eigenwilliges Buch - teils Abenteuerroman, teils Krimi, teils Satire. Sein Autor Jean Echenoz, mit allen literarischen Wassern gewaschen, erzählt mit spöttischer Distanz von seinem Helden und seinen Fährnissen. Für die Leser hält er dabei immer wieder überraschende Wendungen bereit, denen man gerne folgt.

Weniger amüsant, aber ebenfalls preisgekrönt ist "Die Bitte", eine von Michele Desbordes kunstvoll erzählte Geschichte: Ein berühmter italienischer Renaissance-Künstler (Leonardo da Vinci?) reist auf seine alten Tage nach Frankreich, um in der Loire für den König ein Schloss zu bauen. Eine Dienerin wird dem großen Meister zugeteilt; allmählich entspinnt sich zwischen den beiden eine rätselhafte Beziehung, die in eine überraschende Bitte mündet. Wie bei Echenoz geht es auch bei Desbordes um Kunst und um unkonventionelle Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Und ähnlich wie in "Ich gehe jetzt" ist auch in der "Bitte" der Erzählton seltsam distanziert - was den verführerischen Reiz beider Bücher ausmacht.

Jean Echenoz: Ich gehe jetzt. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin 2000 (Berlin). 187 S., öS 291, Michele Desbordes: Die Bitte. Geschichte. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer. Berlin 2000 (Wagenbach). 119 S., öS 204,


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