Kunst kurz

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 32/00 vom 09.08.2000

Auf dem Weg an die Küste Sloweniens sollte man sich heuer ein bisschen mehr Zeit nehmen: Die Biennale für zeitgenössische Kunst "Manifesta" (bis 24.9.) findet dieses Jahr, nach Rotterdam 1996 und Luxemburg 1998, in Ljubljana statt. Die dritte Manifesta ist zugleich die erste, der es durch Ausstellungsort und geladene Künstler gelingt, einen Ost und West verbindenden Kunstraum zu schaffen und so ihr Gründungsziel einzulösen. Nationale Abgrenzungs- und Austauschmechanismen sowie ein spezifischer Umgang mit dem Nicht-Assimilierten werden unter dem Titel "Borderline Syndrom" thematisiert. Die ambivalente Situation Sloweniens zwischen Balkan und EU illustriert der bosnische Künstler Sejla Kameric, indem er über zwei Brücken im Stadtzentrum die Schilder "EU-Citizens" und "Others" anbringt. Nicht als Einziger fragt Kameric: "Wer sind diese anderen?" Grenzkriege, Verteidigungslinien, Definitionsgewalt und der Begriff der Nation generell, der Balkankrieg und seine Folgen im Speziellen sind die Themen der ausgewählten Arbeiten. Sloweniens zweifelhafte Rolle im Krieg bleibt ausgespart. Nur Nika Span zeigt Ljubljana aus der Luft und stellt der Vogelperspektive S/W-Filmaufnahmen zur Seite, die an Kriegsruinen a la Dresden erinnern - tatsächlich handelt es sich um ein Miniatur-Bronzemodell der Stadt. Einen witzigen Vergleich von Kapitalfluss mit Migrationsbewegungen schafft Sislej Xhafa, der in seinem Video vor einer Zuganzeige wie ein Börsenmakler verkleidet herumhüpft: Kaufen! Verkaufen!

Ein Manko der Präsentation ist ihre künstliche Ausdehnung auf vier Orte (aus pragmatischen Gründen oder des documenta-Flairs wegen?), obwohl man sie wahrscheinlich zur Gänze in der Moderna Galerija unterbringen hätte können. Außerdem funktionieren die vielen, qualitativ sehr unterschiedlichen Dokumentarfilme aufgrund ihrer Länge nicht in einer Kunstausstellung dieses Formats. Der unprätentiöse Charme und die diskursive Dichte der Manifesta 3 werden so unnötig verwässert.


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