Tier der Woche: Schlangenlinie

"Tanzt doch, Kinder, tanzt! Übt den berühmten Truthahn-Tango! Die Nacht ist lang, ihr habt Zeit!" Donald Duck (Micky Maus Nr. 10, 1954) "Ich find das gar nicht komisch." Tick, Trick oder Track (ebenda)

Stadtleben | Peter Iwaniewicz, iwaniewicz@falter.at | aus FALTER 34/00 vom 23.08.2000

Zuerst waren es marodierende Horden von Regentänzern, die Österreich im Juli heimsuchten, jetzt übt die Sonnentanz-Fraktion recht heftig. Es ist schon allerhand, was man als einfacher Wetter-User so an Unbilden ertragen muss. Ein authentisches, indianisches Ritual findet aber tatsächlich diese Woche statt: der Schlangentanz der Hopi. Um daran teilzuhaben, muss man sich in den Nordosten Arizonas begeben. Dort wird von zwei religiösen Geheimbünden, der Schlangen- und der Antilopenbruderschaft, die neun Tage andauernde Zeremonie organisiert. Die Männer müssen dafür in der Wüste bis zu 50 Klapperschlangen der Art Crotalus viridis fangen. Diese werden in den Kiva, einen unterirdischen Versammlungsraum, gebracht und rituell gesäubert. Am letzten Tag beginnt der eigentliche Schlangentanz, begleitet von Gesängen der Antilopenbrüder. Die Tänzer holen sich die inzwischen in einer kegelförmigen Hütte aus Astwerk, dem Kisi, liegenden Schlangen, führen sie an den Mundund halten sie mit den Zähnen fest. Falls das Reptil zu beißen versucht, wird es mit einer aus Adlerfedern bestehenden Peitsche geschlagen. Diese Drohung mit dem Todfeind der Klapperschlangen soll diese vor Angst erstarren lassen, was aber die Tiere erst recht aggressiv macht. Wenn alle Schlangen "getanzt" haben, werden sie wieder in die Wüste zurückgebracht, um als Boten in die Wolken aufzufahren und Regen zu bringen.

Als Teil einer religiösen Handlung durften die Klapperschlangen nicht von den unreinenHänden eines Ethnologen berührt und untersucht werden. Daher haben Wissenschaftler die krudesten Theorien entwickelt, um zu erklären, warum die Tänzer trotz immer wieder vorkommender Bisse keine Wirkung auf das schnell wirkende Schlangengift zeigten. Erst 1932 schaffte es ein Forscher, heimlich eine der gerade wieder freigelassenen Reptilien wieder einzufangen. Und siehe da, die scheinbare Immunität hatte ganz profane Gründe: Man hatte den Tieren einfach die beiden Giftzähne entfernt.


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