Vor 20 Jahren im Falter

... berichtete ein Betroffener über polizeiliche Amtshandlungen, Anti-AKW-Lieder, das Abtrocknen von Gitarrenriemen und andere (Un-)Ordnungsmaßnahmen. Titel: "Mutiger Wachmann beseitigt Geigenkasten".

Vorwort | aus FALTER 35/00 vom 30.08.2000

Ein zerschlissener Geigenkasten, der auf der Straße liegt, ein Stein des Anstoßes für einen Polizisten, der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlt. Geigenkästen müssen geschlossen bleiben, wenn Musiker gnädigerweise auf der Straße spielen dürfen, auch Gitarrenkästen und anderes, womit Musizieren mit Bettelei verbunden werden könnte.

Solche Geigenkästen behindern außerdem den Fußgängerverkehr. Ein Polizist (Dienstnummer 3353) tritt auf - der Kasten muss weg - sofort - sonst ... - Na klar - okay (tiefes Durchatmen). Ich trockne meinen Gitarrenriemen ab (zu lange, wie der 3353 später meint, zu provokativ), ich komme der Aufforderung zur sofortigen Folgeleistung nicht nach. Wer aber nicht sofort springt, wird weiter amtsbe(miss)handelt.

Ein harter Polizeigriff am Armgelenk. Einer, Postbeamter, hatte noch nie was mit der Polizei zu tun, findet das Ganze unverschämt, setzt sich für mich ein - und für die Unordnung. Drei, vier Polizisten stürzen sich auf ihn, packen ihn, zerren ihn ins Revier.

Geballte Aggression in einem Plastik-Polizeirevier in der U-Bahn-Unterführung. "Schad, dass ma den Deutschen nicht dawischt haben", meint eine andere Dienstnummer, "den möcht' ma uns scho seit drei Monat vorknöpfen." Gemeint ist Hans-Josef, einer, der schon lang auf der Kärntner Straße musiziert,Anti-AKW-Lieder und andere unordentliche Lieder, immer Sandler rundherum und viele Jugendliche, die ihr Zuhause auf der Straße haben. Den möchten sie einmal "einseifen". Mich lassen sie nach der Personalienfeststellung bald gehen.

Ich krieg wahrscheinlich eine Anzeige wegen Störung der Ordnung und Nichtfolgeleistung oder etwas Ähnliches. Die Folgen für meinen Helfer, der ja nicht unmittelbar beteiligt war, nur Zeuge ist: Anzeigen, Verwaltungsstrafe um die öS 1000,-, Einschüchterungsversuche mit Haftandrohung, Gefängnisandrohung und schließlich Androhung von Schlägen.


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