Aufgeblättert

Kultur | Iris Buchheim | aus FALTER 36/00 vom 06.09.2000

Dass es aber Gaskammern gab, die industrielle Vernichtung von Menschen, nein, ich gebe zu, das habe ich mir nicht vorgestellt, und weil ich es mir nicht vorstellen konnte, habe ich es nicht gewusst." So erklärt der französische Soziologe Raymond Aron in seinen Memoiren, was der italienische Historiker Enzo Traverso in seinem neuen Opus "Auschwitz denken" die "Blindheit der Intellektuellen" nennt. Aber nicht den unzähligen "Blinden" widmet er seine erhellende Untersuchung, sondern den wenigen, die Auschwitz schon früh ahnten oder zu deuten versuchten. Gemeint sind die leider meist "unerhörten Feuermelder": Hannah Arendt etwa, die Auschwitz schon während des Krieges als einen bislang unvergleichlichen Zivilisationsbruch analysierte. Oder Horkheimer und Adorno, die begriffen, dass Auschwitz dialektisch aus der Aufklärung selbst hervorgeht. Ergänzt wird seine eingestandenermaßen subjektive Auswahl (Benjamin, Max Weber, Kafka, Sartre, Anders et al.) durch eine Würdigung jener Überlebenden, die mit ihren Gedichten oder Memoiren das Weiterleben nach Auschwitz zur Frage machten: Paul Celan, der um eine neue Sprache kämpfte, Primo Levi und Jean Amery, die zeigten, wie aus den Lagern der "entmenschte Mensch" hervorging.

Arnold Zweig hingegen kommt bei Traverso zu Recht nicht vor, denn der war tatsächlich kein "Feuermelder". Das zeigt nicht zuletzt seine breit angelegte Studie zum Antisemitismus "Caliban", die erstmals 1927 und jetzt unverändert neu erschienen ist. So erhellend Zweig darin die Befindlichkeit der Juden in der Zwischenkriegszeit analysiert, so blind macht er letztlich die Rassenideologie der Nationalsozialisten mit, indem er den Antisemitismus als einen biologisch begründeten Gruppenaffekt begreift.

Enzo Traverso: Auschwitz denken. Die Intellektuellen und die Shoah. Aus dem Französischen von Helmut Dahmer. Hamburg 2000 (Hamburger Edition). 368 S., öS 420, Arnold Zweig: Caliban oder Politik und Leidenschaft. Berlin 2000 (Aufbau-Verlag). 474 S., öS 492,


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige