Streifenweise

Kultur | Michael Omasta | aus FALTER 36/00 vom 06.09.2000

Mit seinem bereits 1995 entstandenen Gangstermelodram "Gonin" läuft dieser Tage erstmals ein Film des hierzulande praktisch unbekannten japanischen Regisseurs Takashi Ishii regulär im Kino an. Ein hoch verschuldeter Disco-Besitzer, ein verbitterter Ex-Cop, ein arbeitsloser Familienvater, ein punkiger Zuhälter und ein junger Stricher planen, ihrer finanziellen und persönlichen Misere ein Ende zu machen: Sie überfallen eine Bande von Yakuzas und knöpfen ihnen viel Geld ab. Der mächtige Gangsterboss, auch nicht dumm, findet bald heraus, wer ihm so übel mitgespielt hat, und setzt auf die frechen Diebe zwei seiner professionellen Killer an: Den älteren der beiden spielt "Beat" Takeshi Kitano, gezeichnet von einem schweren Motorradunfall und bis zur Maskenhaftigkeit erstarrt.

Der Film hat mehr zu bieten als eine gute Besetzung: Die üblichen Männlichkeitsrituale laufen hier sinnlos ins Leere, stattdessen entwickeln sich unter den Jägern wie auch den Gejagten merkwürdige, mitunter beinahe zärtliche Allianzen. Takashi Ishii begann seine Karriere als Zeichner von Mangas für Erwachsene: Entsprechend schnell, wortkarg und lakonisch ist auch seine Erzählweise als Regisseur, doch ansonsten steht "Gonin" der Tradition von Jean-Pierre Melville oder Seijun Suzuki - zwei durchaus sozialkritischen Klassikern des Kriminalfilms - um vieles näher als beispielsweise den actionreicheren Blutopern Hongkong'scher Prägung.

Apropos "Actionfilme". Hätte Giotto welche gemacht, vermutete der amerikanische Filmkritiker J. Hoberman, hätten sie genauso ausgesehen wie "Serene Velocity". Tatsächlich stammt der Film aber von Ernie Gehr und zeigt nichts anderes als den Korridor irgendeines modernistischen Gebäudes: in unablässig sich ändernden, zwischen nah und fern herumspringenden Brennweiten - auf dass die traurige Architektur des Raumes zu tanzen beginne. Ein Meisterwerk des strukturalistischen Films, zu sehen im Rahmen der Filmreihe "Through the Looking-Glass" (Museumsquartier, So, nach 20 Uhr).


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