Kunst kurz

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 36/00 vom 06.09.2000

Wenn sich Künstler an klassische Fragen der Kunstgeschichte halten, bedeutet das, eine sichere Kugel zu schieben. Wenn die Abweichungen im minimalen Bereich bleiben, wird der bildungsbürgerliche Wiedererkennungseffekt befriedigt. So präsentiert der Engländer Mark Wallinger die Christus-Skulptur "Ecce Homo". Der von Pilatus dem Volk vorgeführte Jesus trägt vergoldeten Stacheldraht auf der Glatze und hat die Hände auf den Rücken gefesselt. Wallinger schafft nicht sakrale Kunst, sondern ist an der Verschiebung von Bedeutung in wechselnden Kontexten interessiert. Die Aufstellung der Skulptur auf einem Podest gegenüber Admiral Nelson am Trafalgar Square verwies auf das Spannungsverhältnis von Nationalstaat und Kirche; im Hauptraum der Secession stellt die Figur wohl einen Kommentar zur im White Cube künstlich konservierten Spiritualität der Kunst dar. Am Vernissagenabend hielt die crowd prompt Respektabstand, dabei könnte man den weißen Mann doch auch als sexy homoerotischen Fetisch


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