Comandantina Dusilova: Vom Tischbürstchen

Stadtleben | aus FALTER 36/00 vom 06.09.2000

Architekten gelten gemeinhin als Spezialisten in Sachen gutes Werkzeug. Nicht dass sie sich zur Ausübung ihrer Leidenschaft deswegen ständig in Baumärkten und Raiffeisen-Lagerhäusern herumtrieben. Architekten verstehen auch Zeichenuntensilien als Werkzeug. Immerhin können sie ganze Opernhäuser mit einem einzigen abgegriffenen Minenblei durchkomponieren. Wenn es nun daran geht, mit speckigen Minenbleien durchkomponierte Opernhäuser auch betonierfertig zu planen, verwenden Architekten nicht mehr als schwarze Tusche, die sie mit ewig vom Eintrocknungsdesaster bedrohten Tuschestiften auf halbdurchsichtiges Pauspapier auftragen. Wenn Architekten einen Fehler machen und, sagen wir einmal, ein Stockwerk zu viel einzeichnen, dann verzweifeln sie nicht, wie unsereins verzweifeln würde, sondern schaben die falsche Etage ganz einfach mit einer Rasierklinge weg. Die Brösel, die dabei entstehen, Schabgut aus getuschten Pauspapierflocken, bürsten sie dann mit so genannten Tischbürstchen auf ihre über und über mit weggeschabten Etagen bedeckten Atelierböden. Diese Tischbürstchen sind der Architekten liebste Utensilien. Baukünstler messen ihnen größere Bedeutung zu als Kapellmeister ihren Dirigierstäbchen.


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