Standpunkt: Sprechsicherheit

Politik | aus FALTER 37/00 vom 13.09.2000

Strukturmaßnahmen" ist der Klassiker: Wenn in der Wirtschaft Entlassungen anstehen, kleiden die Industriekapitäne die schlechte Nachricht gerne in dieses Vokabel. Da die Bedrohlichkeit des abgenützten Begriffes mittlerweile schon jeder Gewerkschaftsfunktionär durchschaut, haben Autoren von modernen Management-Handbüchern neue Euphemismen kreiert. Die Regierung hat fleißig nachgelesen. Innenminister Ernst Strasser etwa will den Zivildienst "optimieren". Man merke: Unter "Optimierung" sind künftig radikale Einsparungen zu verstehen. Finanzminister Karl-Heinz Grasser setzt "Steuergerechtigkeitsmaßnahmen" - etwas sperrig im Vergleich zum altbewährten Vokabel "Steuererhöhungen". Nicht schlecht klingt hingegen "Treffsicherheit". Wer würde dahinter auf Anhieb simple Streichungen von Sozialleistungen für Besserverdienende vermuten? Die Verschleierungstaktik wirft ein schlechtes Licht auf das schwarz-blaue Demokratieverständnis. Denn eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Demokratie sind öffentliche Debatten. Die werden unmöglich, wenn sich die Regierung ständig hinter neudeutschem Management-Sprech verschanzt. Mehr Treffsicherheit - im eigentlichen Sinn - ist tatsächlich gefragt - beim Sprachgebrauch von ÖVP und FPÖ. G. J.


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