Aufgeblättert

Wolfgang Kralicek | Kultur | aus FALTER 37/00 vom 13.09.2000

Die Zeugnisse werden im deutschsprachigen Theater erst nach den Sommerferien verteilt - dann nämlich, wenn das Jahrbuch der Zeitschrift Theater heute mit seiner berühmt-berüchtigten Kritikerumfrage erscheint. Musterschüler war einmal mehr das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, das zum vierten Mal in der siebenjährigen Ära Baumbauer die Gesamtwertung gewann und deshalb zum "Theater des Jahrzehnts" wurde. Der Würdigung der Jahresbesten stehen in "Theater 2000" zwei lange Essays von Mathias Greffrath und Diedrich Diedrichsen gegenüber, die aus unterschiedlicher Perspektive die gesellschaftspolitische Leere zur Jahrtausendwende reflektieren. Der interessanteste Beitrag des Jahrbuchs stammt von Frank Castorf, der in einem prägnanten Text sein Theater-Credo offen legt. Wichtigste Regel: "Man kann viel Geld in der Zeit verdienen, die man mit Theaterarbeit vertrödelt. Sollte man nie vergessen."

Zur Aufführung des Jahres wurde der Shakespeare-Marathon "Schlachten!" gekürt; eine noch viel umfangreichere Veranstaltung, Peter Steins ungekürzte "Faust"-Inszenierung, hatte erst nach Redaktionsschluss Premiere. Wie die 22-stündige Inszenierung sprengt auch das nun vorliegende Programmbuch alle Dimensionen. "Peter Stein inszeniert Faust" ist ein opulenter Bildband, der neben Texten zum Werk zahlreiche Bühnen- und Kostümskizzen sowie Szenenfotos zur Inszenierung enthält. Den Kern des schweren Buches, das jedenfalls erst nach Besuch der Aufführung erworben werden sollte, bildet ein ausführliches "Probentagebuch", in dem man allerdings fast nichts über die Probenarbeit erfährt. Stattdessen wird minutiös Szene für Szene beschrieben: Das ist zwar wenig spannend, passt aber irgendwie zur Inszenierung.

Theater 2000. Das Jahrbuch der Zeitschrift "Theater heute". Berlin/Stuttgart 2000 (Friedrich/Klett-Cotta). 160 S., öS 280,Roswitha Schieb (Hg.): Peter Stein inszeniert Faust von Johann Wolfgang Goethe. Das Programmbuch Faust I und II. Köln 2000 (DuMont). 320 S., öS 362,-


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