Nüchtern Betrachtet : Bierchen im Bauch des Molochs Berlin

Kultur | aus FALTER 37/00 vom 13.09.2000

Berlin gilt gemeinhin als das Ding. Berlin, eine Symphonie der Großstadt, dirigiert von den Armen Hunderter Baukräne. In Berlin, so hört man es doch ständig von einem der zahlreichen Berlinexegeten, wächst zusammen, was nicht zusammen gehört, und bildet gemütliche Gegensätze, sodass im Bauch dieses Molochs auch schon mal Türke, Banker und Kampfhund ein Bierchen miteinander trinken. Und in der Tat: Berlin ist gut. Was soll man schon sagen gegen eine Stadt, in der es ein Haus der Automatenwirtschaft gibt? Oder Velo-Taxis, mit denen langgliedrige, durchtrainierte Burschen herumradeln, als gäbs keine S- und U-Bahnen? Alleen, Kanäle, historisches Baugut - alles da. Der Berliner hats gut. Am besten aber hats Koberg. Er wohnt in der aus guten Gründen so genannten Hasenheide, aber dennoch voll urban: genau zwischen dem größten Bräunungsstudio der Stadt und der City Bowling Bahn. In einer Wohnung, die ein schönes Beispiel dafür ist, was man durch raffinierte Lichtregie alles erreichen kann, wenn man ein Händchen für Lampen hat. Da brauchts auch keinen sündteuren Designer-Schnickschnack, sondern nur ein paar Eröffnungsschnäppchen von Karstadt vis-a-vis, und schon kann Koberg seiner Wohnung buchstäblich auf Knopfdruck (alle Lampen sind selbstverständlich unabhängig ein- und ausschaltbar) eine Dreiecks- oder eine Rautenform verpassen. Koberg kommt also frisch gebräunt aus dem Studio und denkt sich: So, jetzt will ich einmal eine gepflegte Kugel rollen, dann geh ich in eine der unzähligen Kreuzberger Kneipen, die für mich so leicht zu erreichen sind, weil ich ja in Kreuzberg lebe, trinke ein Bierchen mit Türke, Banker und Kampfhund, und hernach gehe ich heim wohnen und zwar, sagen wir, heute mal in einer Raute. So ist also Berlin. Total gut.


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