Vor 20 Jahren im Falter

... beschrieb eine Groteske die Geschichte des Straßenbahnfahrens in Wien. Stellt sich die Frage: Wie viel hat sich wirklich verändert?

Vorwort | aus FALTER 38/00 vom 20.09.2000

In der Straßenbahn benehmen sich alle wie alte Frauen. Sie sitzen beim Mittelgang und lassen den Fenstersitz frei. Wenn man sich setzen will, muss man sich vorbeizwängen. Sie haben Angst, dass man sie nicht zum Ausgang lässt. Setzen sie sich ans Fenster, müssten sie eine Station versäumen.Von dieser Angst sind auch die ergriffen, die beim Mittelgang sitzen. Lange bevor die Station in Sicht kommt, stehen sie auf. Mühsam halten sie sich auf den Beinen. Die Hand um die plastikumwickelte Stange geklammert, lassen sie sich stehend um die letzte Kurve schütteln. Ihre Körper stoßen aneinander wie Säcke.

Noch nie hat eine von ihnen den rechtzeitigen Ausstieg versäumt! Es wäre, als vergäßen sie den Geburtstag des Enkels oder den Altpapiertermin des Roten Kreuzes. Alle Energien geistiger Konzentration werden darauf verwendet, dass es nie geschehe. Die Fahrt selbst in der Straßenbahn ist unwichtig. Sie ist nur Beiwerk des pneumatischen Augenblicks, da sich die Türen öffnen. Es ist wie das Gesellschaftsspiel, bei dem der Langsamste keinen Stuhl mehr findet. Man könnte glauben, der Letzte bei der Tür müsse zur Strafe eine Station weiterfahren.

Die Angst, mit der die kleinen Verrichtungen in Wien vorgenommen werden, ist groß. Es ist weniger die Angst, zu spät zu kommen, als die Angst, der Letzte zu sein und dadurch aufzufallen. Es ist die Angst, als Einziger in einer leeren Straßenbahn vor geschlossenen Türen zu stehen und dem Hohn derer ausgesetzt zu sein, die rechtzeitig ausgestiegen sind. Kleine Veränderungen wollen nicht übersehen sein! Vielleicht ist die Haltestelle vorverlegt worden? Alle Pläne würden zunichte. Wartende Bekannte würden weggehen, Banken würden schließen, ohne das nötige Bargeld würde es auch keine Rolle mehr spielen, dass die Geschäfte schlössen, man bekäme keine Nahrungsmittel mehr und auch der Abend wäre verloren.


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