Streifenweise

Kultur | Michael Omasta | aus FALTER 38/00 vom 20.09.2000

Misstrauen gehört zu ihren markantesten Charakterzügen: Vor allem jedes Gefühl von Nähe scheint den Protagonisten des französischen Regisseurs Erick Zonca unerträglich zu sein. Der Kurzfilm "Seule" (1997) lässt bereits im Titel etwas von der existenziellen Vereinsamung seiner Heldin ahnen, und Zoncas Spielfilmdebüt "La vie revee des anges" (1998), das auch bei uns zu sehen war, erzählt von der tragischen - weil letztlich unmöglichen - Freundschaft zweier junger Frauen, die mit einem Selbstmord endet.

In seiner jüngsten Arbeit, dem fürs Fernsehen gedrehten "Le petit voleur" (dt. "Der kleine Dieb"), ist sozusagen auch schon die Erzählweise selbst von diesem Misstrauen affiziert. Die Geschichte handelt von einem Jungen namens S. (Nicolas Duvauchelle, Arte-Sehern aus Claire Denis' "Beau travail" bekannt), der seine Bäckerlehre abbricht, nach Marseille geht und sich einer Bande von Drogenhändlern anschließt, für die er als Außenseiter - von einer Zukunft als "großer Gangster" träumend - erst recht wieder nur kleine Botengänge erledigen darf. Jedes Bild atmet höchste Konzentration, man sieht Hände in Großaufnahmen: beim Stehlen, Boxen, Geldnachzählen. Ein Film, der auf Bresson macht - Atmosphäre durch Fragmentierung. Zonca reduziert jede Szene auf das absolut Unerlässliche. "Le petit voleur" erinnert an eine klinische Untersuchungsanordnung: Jede Figur, jeder Schauplatz, jedes Gestaltungselement wird für sich allein eingesetzt, isoliert, analysiert.

Wenigstens bis zu dem Moment gegen Ende, an dem Zonca doch noch einen Kompromiss macht und überraschend eine Wende herbeiführt. Unser Misstrauen wird dadurch nur noch verstärkt.


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