FÜR EINE HAND VOLL REIS

"La terre des ames errantes" von Rithy Panh

Extra | aus FALTER 40/00 vom 04.10.2000

Eine staubige Landstraße unter brennender Sonne. Im Gestank der Diesellaster gräbt ein Bautrupp mit Bambusspaten und Hacken einen Graben. Eine Frau betritt eine armselige Dorfhütte und bettelt um eine Hand voll Reis. Schnitt. Arbeiter senken ein dünnes Kabel in die trockene Erde. Deutlich kann man darauf den Schriftzug Alcatel lesen. Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh begleitet in "La terre des ames errantes" ("The Land of the Wandering Souls") mittels Videokamera eine Gruppe seiner Landsleute, die im Auftrag der Firma Alcatel eine Glasfaserverbindung quer durch ihr Land verlegen. Ziel ist die Anbindung Südostasiens an europäische Breitbandnetze. "Magische Augen und Ohren - CNN, Briefe und Telefonstimmen in nur einer Sekunde!", erklärt ein Techniker den Hilfskräften. Denen die Zukunft der Telekommunikation eigentlich egal ist: Denn in ihren Dörfern gibt es nicht einmal Elektrizität. Und keine Arbeit. Und nichts zu essen.

"La terre des ames errantes" ist ein Film über Armut und den tagtäglichen Überlebenskampf derer, die auf Schritt und Tritt von den Geistern der Vergangenheit verfolgt werden: Der Terror der Khmer Rouge hinterließ ihnen Analphabetismus, vergiftete Brunnen und im Erdreich verborgene Minen und Knochen. Die irrenden Seelen des Titels, dass sind die Tausenden Ermordeten genauso wie die Überlebenden, die ihre verdorrte Erde zum Nomadismus zwingt. Der Film verzichtet auf Polemik oder einen erklärenden Kommentar; in präzisen und nüchternen Bildern schenkt er der Rede seiner Protagonisten Aufmerksamkeit. Ihr Alltag dient ihm nicht als Illustration eines unbestimmten, metaphysischen Begriffs von Elend, sondern hat eine materialistische Plastizität: Die Armut hat konkrete Ursachen - ideologische und politische nämlich.

MICHAEL LOEBENSTEIN Stadtkino: Mo, 16.10., 13 Uhr und Di, 17.10., 15.30 Uhr (OmenglU)


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