Comandantina Dusilova: Das Geräusch von Stille

Stadtleben | aus FALTER 40/00 vom 04.10.2000

Stille, das gebe ich zu, Stille bedeutet mir viel. Nun meine ich mit Stille nicht jene Stille, wie sie mir in sauber geschleckten südfranzösischen Kreuzgängen angeboten wird. Ähnlich dem Geräusch verfaulender venezianischer Palasthinterhöfe entspricht das nicht meinem Verständnis von Stille. Auch das Konzept, zu Jesu Geburtstag, in ein Dutzend Wollröcke gehüllt und mit klammen Fingern ein flackerndes Laternchen haltend, den verschneiten Pongau zu durchstapfen, behagt mir nicht besonders. Mir gefällt hingegen die Stille, die Kairo erzeugt, wenn dort die Sonne aufgeht und noch alle 21 Millionen Kairoer auf ihren Strohmatten kleben. Erstaunlicherweise gibt es keine Stadt der Welt, die so leise sein kann wie Kairo bei Sonnenaufgang. Die Muezzins müssen erst Tee trinken, zumindest ein Tässchen, und Tee will heiß sein, und dann müssen die Muezzins, während also ihr Tee zu kochen beginnt, in Gedanken Mekka orten, und das, so weiß ich, hat still zu geschehen. Und solange nicht der Muezzin das Minarett erklommen hat, wagt auch kein ägyptischer Hahn das Krähen. Das einzige Geräusch, das Kairo also bei Tagesbeginn erzeugt, ist das fauchende Brodeln der Muezzin-Teekessel und das kalte Schlurfen der Muezzin-Schlapfen.

Das ist Stille.


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