Die Chance

Ausland. Nicht nur für Jugoslawien, auch für Europa ist die serbische Revolution eine Chance.


Raimund Löw
Vorwort | aus FALTER 41/00 vom 11.10.2000

Von Revolutionen werden in der Regel jene am meisten überrascht, die an der Spitze der Bewegung stehen. So hatten denn auch Vojislav Kostunica und seine Freunde vergangene Woche den theaterreifen Sturm auf die Skupstina in Belgrad weder geplant noch erwartet. Aber nach der provokanten Annullierung des vergangenen Wahlkampfes durch das Regime war die Volkswut nicht mehr zu bremsen. Wie oft in solchen Situationen übernahmen kühne Heißsporne vor dem jugoslawischen Bundesparlament die Initiative, und ein Heiligtum des Regimes nach dem anderen wurde angegriffen: Gesellschaftliche Breite und Akzeptanz der Bewegung waren so groß, dass keine Einheit der Sicherheitsorgane die Konfrontation mit der Menge wagte. Die Spontaneität der Massen, so oft besungen von revolutionären Klassikern der verschiedensten Richtungen, machte den Weg frei zu dem überraschend leichten Regimewechsel in Jugoslawien. Nach einem Jahrzehnt der nationalistischen Verirrungen und Gewalttätigkeiten, die Serbien selbst

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