Comandantina Dusilova: Vom Gemüse

Stadtleben | aus FALTER 41/00 vom 11.10.2000

Die Sprache, das wissen wir, ist ein Museum. Ganz viel geschichtliche Leichen hängen da in unseren Sätzen herum, in den gesprochenen wie in den geschriebenen, und es kümmert uns wenig, mit Bezeichnungen zu hantieren, die so gut wie nichts mehr mit den Dingen zu tun haben, auf die wir sie verwenden. Die Wände unserer Häuser, so wissen die Etymologen, waren einst aus Zweigen gewunden. Diese Korblauben waren mit Lehm verspachtelt, so lässt es sich jedenfalls rekonstruieren, und mit Tierhäuten gedeckt. Ein Dach war also eine große Decke und ein Haus, was immer unter einer Haut Platz hatte. So war das, als wir zu unserer Sprache fanden. Als ich gestern am Naschmarkt vorbeiging, fiel mir ein Schild auf, von dem der mittlere Teil heruntergefallen war, sodass nur mehr "OBST und ...MÜSE" zu lesen war. Und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich hatte soeben gelesen, was unsere Vorfahren in den windigen Hautsiedlungen zu sich genommen hatten: Mus. Mus hatten sie gegessen. Mus aus Grünzeug, Gemüse. Kein rohes Karöttchen wie Claudia Schiffer, kein frisch gezupftes Rucolablatt wie Heidi Klum und keinen Bärlauchstingel wie ich hatten sie gekaut, sondern garstig Mus. Die Sprache ist ein Museum. Wie ich gesagt habe.


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