Lessing bleibt gelassen

Essay. Am 25. Oktober wird Rachel Whitereads Mahnmal für die jüdischen Opfer des Naziregimes in Österreich enthüllt werden. Dass die jahrelangen ideologischen und ästhetischen Kontroversen dadurch in einen Konsens übergegangen wären, lässt sich nicht behaupten.

Kultur | Markus Wailand | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Seit Jahren schon steht Gotthold Ephraim Lessing am selben Ort und ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Kein Augenzwinkern, wenn audiophile Judenplatz-Erstbesucher den in einem Souterrainlokal gut versteckten Schallplattenklub nicht finden; kein mitleidiges Lächeln, wenn yuppieeske Modernisierungsgewinner dreieckige Designmöbel in Signalfarben aus dem Shop tragen; kein Stirnrunzeln, wenn die Kameradschaftsbündler im Biergarten ein Krügerl nach dem anderen trinken, bis ihnen die Geschichtslügen wieder hochkommen.

Was auch immer geschieht, Lessing steht ungerührt auf seinem Sockel. Unberührt und zuallermeist auch ungesehen, genau so, wie sein Schriftstellerkollege Robert Musil es für Denkmäler generell festgehalten hat: "Das Auffallendste an Denkmälern ist nämlich, dass man sie nicht bemerkt. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler."

Paradox? Ja sicher. Aber kein Grund, die Arbeit am Genre einzustellen: Während auf der einen Hälfte des Judenplatzes


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