Auf den zweiten Blick

Theater. Legendäre alte Stücke, neu betrachtet: "Die Nashörner" von Ionesco am Volkstheater, "Der Schein trügt" von Thomas Bernhard in der Josefstadt.

Kultur | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Peter Henisch kann nichts dafür. Als der Schriftsteller Anfang September in einem profil-Gastkommentar dazu aufrief, Ionescos "Nashörner" wieder zu lesen oder gar aufzuführen, waren die Proben im Volkstheater schon längst in vollem Gange. Der Gedanke nämlich, die Verhältnisse im heutigen Österreich mit einem absurden Theaterstück zu vergleichen, ist zwar nicht ohne Charme; über eine profil-Seite hinaus aber trägt er kaum.

Wer Henisch beim Wort nimmt und das Stück tatsächlich wieder liest, wird enttäuscht sein. Die "beklemmend klarsichtige Parabel über Massenpsychose, Anpassungsdruck und Ansteckungsgefahr durch den Bazillus der Inhumanität", wie es in schlimmstem Volkstheaterprogrammheftdeutsch heißt, ist ein reichlich geschwätziges, überraschend simpel konstruiertes und erstaunlich plattes Stück Theater. Der Plot ist ganz einfach: In einer Kleinstadt werden die Menschen zu Nashörnern. Zunächst löst das Phänomen Angst und Befremden aus, aber je mehr Menschen zu Dickhäutern


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