Spielplan

Kultur | Karin Cerny | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Bei der Stückwahl ist die Gruppe 80 immer für eine Überraschung gut. Da ist man, um einen biblischen Vergleich heranzuziehen, frech wie der kleine David; man legt sich mit Stücken an, gegen die man auf den ersten Blick kaum eine Chance hat, so behäbig und oft auch antiquiert wirken sie. Trotzdem gewinnt David eher selten, weil er wichtige Antworten gerne schuldig bleibt. Warum gerade dieses Stück? Was hat es mit uns zu tun? Die Gruppe 80 ist der Zoowärter unter den Theatern, sperrt schöne exotische Tiere in ihren Käfig, wo man doch lieber Studien in freier Wildbahn sehen würde. Klaus Fischer, der für seine Inszenierung von Musils "Schwärmern" die Kainz-Medaille erhalten hat, weiß mit Hofmannsthals mittelalterlich holzschnittartigem "Jedermann" viel Kleinkram anzustellen (Live-Painting!), hat aber keine zusammenhaltende Idee. Einerseits macht er sich über die Bigotterie des Textes lustig, dann soll man die Todesangst aber wieder ernst nehmen. So unentschieden war die Gruppe 80 schon lange nicht mehr.

Treffender in der Textwahl zeigt sich das Ensemble Theater. Auch der tollkühne, kalt-reflektierende "Caligula", geschrieben von einem gerade mal 25 Jahre alten Albert Camus, behandelt die Jedermann-Frage: Wie kann man leben mit der Tatsache, dass man jederzeit sterben könnte, einfach so, ohne einsehbare Logik? Aus der Willkür des Todes leitet Caligula seine willkürliche Tyrannei ab und nimmt als Herrscher quasi die Stelle des Todes ein, der jederzeit zuschlagen kann. Er ist unberechenbar und grausam, aber sein Handeln hat Methode, für jeden Mord hat er gute philosophische Gründe. Camus' Text ist vor allem eine Denkaufgabe. Wie heißt es im Stück? "Unsicherheit veranlasst zum Denken." Das Ensemble Theater lässt einem als Zuschauer alle Freiheit, es wird mehr verhandelt auf der Bühne als wirklich inszeniert. Das ist theatralisch natürlich unbefriedigend, hat aber trotzdem eine gewisse Strenge und Klarheit, der man gerne zuhört und noch länger gedanklich nachhängt.


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