Fanpost an Frau Sibylle

Kolumnistik. "Gold" versammelt alles, was Sie von Sibylle Berg immer schon lesen wollten, deutsche Magazine aber nicht zu drucken wagten.

Extra | Stefan Löffler | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Sibylle Berg schreibt so Sachen, die man seiner Geliebten abends am Telefon vorliest, und dann rennt die in den Laden, kauft sich ein Buch von ihr und wird depressiv. Wer sich nicht vorstellen kann, was als Nächstes passiert, liest Sibylle Berg. Genau.

Schriebe die Ostdeutsche nur Romane, könnte sie es sich bestimmt nicht leisten, in der Schweiz zu wohnen. Aber die deutschen Magazine zahlen viel Geld für ihre Kolumnen und Reportagen. Weil einige kleinere Anschaffungen im Hause Berg anstehen, hat sie das ganze Zeug nun als "Gold" herausgebracht. Aber gar nicht teuer. Nette Geste. Wie der Abdruck ihrer Fanpost. Heiratsanträge und Aufforderungen, sich selbst zu ficken. Das Übliche halt.

Die Literaturwissenschaft hat da eher auf jene nun erstmals veröffentlichten Artikel gewartet, die die deutschen Magazine nicht abdrucken wollten. Ein liebenswertes Porträt der liebenswerten Bestsellerautorin Amelie Fried zum Beispiel. Der Spiegel hätte nur zwei Absätze rauszukürzen brauchen, und es wäre einer der elegantesten Verrisse außerhalb der Falter-Buchbeilage geworden. Oder ihr Beitrag zu dieser unsäglichen Jahrhundertworte-Reihe, die die Mafia von Kulturjournalisten bei der Süddeutschen Zeitung, beim Deutschlandfunk und beim Suhrkamp Verlag verbrochen haben. Sibylle Bergs Text zum Jahrhundertwort "Faschismus" war vermutlich der einzig lesbare in der ganzen Reihe - und wurde abgelehnt.

Bei Sibylle Berg geht es echt nicht nur um freudlosen Sex, Haustiere, keine Zukunft und Städte, in die sie nicht mehr hinfahren darf. Wie Wien oder Weimar. Es geht auch um sie selbst. Und um Sie. Um euch beide. Und wie schön es wäre, wenn ihr euch gemeinsam von einem Bücherregal stürzen könntet.

Sibylle Berg: Gold. 2000 (campe paperback). 272 S., öS 184,-


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige