Tote & tödliche Sprachen

Mystery. In seinem Roman "Die Übersetzung" schickt der Argentinier Pablo de Santis Übersetzer reihenweise in einen mysteriösen Tod.

Extra | Edgar Schütz | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

In Argentinien hat sich Pablo de Santis als Verfasser esoterischer TV-Soap-Operas und Comic-Autor einen Namen gemacht. Daher verwundert das eigenwillige Szenario, das er für seinen Roman "Die Übersetzung" entwirft, nicht weiters. Puerto Esfinge (Hafen der Sphinx) heißt der seltsame Ort an der Atlantikküste, an dem ein entsprechend rätselhafter Kongress stattfindet: ein Treffen von Kryptologen, die sich der Erforschung von ausgestorbener Sprachen verschrieben haben. Auch der etwas eigenbrötlerische Übersetzer Miguel Blast nimmt daran teil.

Nach und nach verdichtet sich das Meeting der verschrobenen Intellektuellen zu einem Verwirrspiel der Intrigen und Irrgänge. Mehrere Kongressteilnehmer werden tot aufgefunden, ein jeder mit einer Nickelmünze unter der Zunge. Wie sich herausstellt, waren sie einer geheimnisvollen Sprache auf der Spur, die sie der Unsterblichkeit zuführen sollte. Die Münze ist der Lohn für die Fähre über den Acheron, jenen Fluss in der Unterwelt der griechischen Mythologie, der die Menschen vom Jenseits trennt. Wer die "Sprache des Acheron" beherrscht, so die Überlieferung, kann den Tod besiegen, solange er darauf verzichtet, sie zu sprechen.

In dem Hotel in Puerto Esfinge, am Ende der Welt, nehmen die Dinge aber einen völlig anderen Verlauf: Die "Sprache" wird zum Motor der Handlung und letztlich zur letalen Waffe. Der Plot, den sich De Santis ausgedacht hat, ist originell, hat aber den erheblichen Mangel, dass es ihm nicht gelingt, die Geschichte zu einem schlüssigen Ende zu bringen, obwohl de Santis' konziser Stil eben dies erwarten lässt. "Ich war fast überzeugt, dass Naum die Wahrheit sagen würde, und Naum war fast bereit, die eine Zeile zu sprechen, die an der Wahrheit noch fehlte. Aber dazu kam es nie", erzählt Blast knapp vor Schluss. Auch de Santis' Roman sucht vergeblich nach dieser einen Zeile.

Pablo de Santis: Die Übersetzung. Roman. Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs. Zürich 2000 (Unions Verlag). 156 S., öS 188,


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