Die neue russische Küche

Das grosse Fressen. Der Moskauer Literaturrebell Vladimir Sorokin liefert in seinem neuen Roman "Der himmelblaue Speck" die ultimative Parodie des Totalitarismus und serviert Hitler und Stalin ein ebenso üppiges wie bizarres Menü.

Extra | Klaus Kastberger | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Eines vorneweg: Selten zuvor habe ich ein so verrücktes Buch gelesen, und selten zuvor wollte ich ein Buch so sehr zur Lektüre empfehlen. Es beginnt mit Briefen aus dem Jahr 2068, die ein Gentechniker namens Boris aus dem fernen Jakutien seinem Geliebten schreibt, den er abwechselnd als "schweren Jungen", "zärtlichen Schuft" oder auch als "göttlich-grässlichen Top-Direkt" bezeichnet. Obwohl sich die Sprache des Mannes ihrer ganzen Tendenz nach unzweideutig auf Lustgewinn richtet, ist sie nur schwer in allen Details zu verstehen.

Sorokins Text sieht insgesamt so ähnlich aus wie die von Boris in seinem Genlabor geschaffenen Kreaturen: Da ist von L-Harmonien und deren Koeffizienten, von W2-Indikatoren und M-Eifersucht die Rede. Protoplasma kommt im Körper hoch, fremdsprachige Einsprengsel durchziehen den Text: Die vielen chinesischen Phrasen werden am Ende des Buches in einem eigenen Glossar erklärt, die deutschen verbleiben in der (übrigens sehr flotten) Übersetzung von Dorothea


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