"Der Pyjama war sauber"

Autobiografie. Edward W. Said, der aus Kairo stammende Literaturwissenschaftler und Intellektuelle, hat eine Lebensgeschichte verfasst, die nicht frei von Peinlichkeiten ist.

Extra | Matthias Dusini | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Edward, du hast dich selbst befleckt!" Mit diesen Worten stand Saids Vater eines Morgens im Kinderzimmer der Villa in Kairo und hielt strengen Blickes den Pyjama seines Sohnes hoch, auf dem sich paradoxerweise keine Flecken befanden. Edward hätte sich der Sünde der Masturbation schuldig gemacht, gerade weil er sich keinen - im christlichen Schuldverständnis der Familie erlaubten - fleckenproduzierenden Nachtträumen hingegeben hätte, was der kleine Edward abstreitet. 50 Jahre später nützt er nochmals die Chance zur Klarstellung des Sachverhalts: "Der Pyjama war sauber, weil ich keine sexuellen Träume gehabt habe." Saids Mutter, strenger und gleichzeitig liebender Pol in seinem Leben, blickte verbittert über die Schulter zum schamerfüllten schuldlos Schuldigen hernieder: eine Situation, die an Franz Kafkas Schuldparabeln erinnert.

Mit Kafka teilt Said nicht nur grenzenlose Schuldgefühle, sondern auch den Wunsch, sich aus einer tödlichen Krankheit heraus in den Imaginationsraum


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