Alltagsgeschichte: Gott Zufall

Oliver Hochadel | Extra | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Der Historiker ist der Gott der Vergangenheit. Wie in Michelangelos sixtinischem Fresko erschafft er mit seinen Händen menschliche Wesen und haucht ihnen (neues) Leben ein. Der Finger von Alain Corbin (Augen geschlossen) deutet im Standesamtsregister eines westfranzösischen Provinzarchivs auf Louis-Francois Pinagot (1798-1876). Das Zufallsprinzip hat Methode. Aufgrund der Überlieferungslage nahm die Alltags- und Mikrogeschichte bislang selten die "wirklich" einfachen Leute in den Blick, sondern jene, die mit der Obrigkeit in Konflikt geraten und Prozessakten kreieren, wie etwa Carlo Ginzburgs friaulischen Müller.

Corbins Erwählter ist ein armer, aber gesetzestreuer Holzschuhmacher, ein Analphabet, von dem kein einziges gesprochenes oder geschriebenes Wort überliefert ist. "Auf den Spuren eines Unbekannten" rekonstruiert er minutiös seine Lebenswelt, den Wald von Belleme, seine Familienverhältnisse, seinen mentalen Raum: Corbin fragt, ob er Coitus interruptus praktizierte, mit welchen

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