Unbehagen in der Medizin

Medizin. Der mehrfach ausgezeichnete Wissenschaftspublizist David B. Morris fordert in seinem neuesten Buch ein biokulturelles Verständnis von Krankheit. Die Medizin hat aber eher anderes im Sinn.

Extra | Bernhard Kathan | aus FALTER 42/00 vom 18.10.2000

Neben mir an der Bar sitzt ein Mann meines Alters. Seine scheppernd monotone Sprechweise deutet darauf hin, dass er wegen Kehlkopfkrebs operiert wurde. Neben seinem Bierglas liegen Taschentücher. Wiederholt verschwindet er Richtung Toilette, wohl um seinen Schleim abzuhusten. Der Verlust der eigenen Stimme kommt einer massiven Verstümmelung gleich. Er verlässt das Lokal, bevor es sich mit Gästen füllt. Eine Gesellschaft, die den heilen und unversehrten Körper betont wie keine andere zuvor, muss solch offensichtliche Beschädigungen des Körpers als bedrohlich erleben.

Dies war nicht immer so. Krankheit ist nicht nur ein biologisches Phänomen, sondern hat ihre sozialen und kulturellen Dimensionen. Ein Bergbauer mit transplantierter Lunge missachtet konsequent die Empfehlung, den Stall - wenn es schon sein muss - mit einem Mundschutz aufzusuchen und jeden Kontakt mit Heu zu meiden. Er hält die heimatliche Luft für gesund. Diese Vorstellung stößt bei manchen Ärzten und Krankenschwestern


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