Spielplan

Kultur | Petra Rathmanner | aus FALTER 43/00 vom 25.10.2000

Manchmal genügen dem Theater wenige Mittel, um eine Welt entstehen zu lassen, die größer und geheimnisvoller ist als die des Alltags. Die Zuschauer werden zu Komplizen, und plötzlich wird ganz plausibel, dass Schauspieler, die ein paar Holzstecken bewegen, einen Wald darstellen, der im nächsten Moment zu einer Wüste wird oder tosende Meereswellen symbolisiert, genauso schnell kann das Stück Holz als Schwert und wer weiß was noch alles fungieren. Zwei Beispiele dieser Theateralchimie gibt es dieser Tage zu sehen, die sich bierernst und urkomisch an die Umsetzung von Gedichten machen.

Michael Bogdanov ist im Burgtheater mit seiner Bearbeitung von Goethes Gedichtvorlage "Reineke Fuchs" die derzeit wohl witzigste Kindertheateraufführung Wiens gelungen. Das Stück erzählt die bekannte Fabel vom schlauen Fuchs (Johannes Krisch), der alle anderen Tiere an der Nase herumführt. Als Erzähler glänzt Peter Matic mit seiner gefährlich schönen Stimme; der eingangs zitierte Holzstab als Alleskönner kommt ebenfalls zum Einsatz. Zum Aufgebot der animalischen Saga gehört weiters eine Live-Band, die für gute Laune sorgt, während die Schauspieler in aufwendigen Tierkostümen die Tanzpfote schwingen oder bei den heftigen Kampfszenen die eine oder andere Tatze einbüßen. So losgelöst hat man das Burgtheater selten gesehen.

Strenger geht es im Projekt Theater Studio zu. Unter dem Titel "Es weiß ja jeder" werden bisher unveröffentlichte Gedichte aus Ingeborg Bachmanns Nachlass aufgeführt. Die publizierten Fragmente haben im deutschen Feuilleton für Aufregung gesorgt. Unbeeindruckt von der germanistischen Diskussion konstruiert Eva Brenner ein einstündiges, dichtes und anstrengendes Programm. Der grellweiße Bühnenraum ist mit Gummibändern bespannt, die sich in unterschiedlicher Höhe quer über die Bühne ziehen, sodass die drei Akteure durchkriechen oder drüberspringen müssen - während sie alleine und im Chor die Texte rezitieren. So schweißtreibend und vibrierend kann Lyrik sein.


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