Aufgeblättert

Martin Droschke | Kultur | aus FALTER 43/00 vom 25.10.2000

Drei Leichen ehrwürdiger Freimaurer beschäftigen das Nürnberger Morddezernat in dem Krimi "Toter Winkel" von Tessa Korber. Der Mörder hat seine Opfer für eine breite Öffentlichkeit hübsch theatralisch hingerichtet und an belebten Orten ausgestellt und überdies noch Spuren hinterlassen, die auf Symbole und Riten der Geheimloge verweisen. Nennt man so etwas Ritualmord? "Toter Winkel" bietet ein Labyrinth aus Indizien, in dem sich Kommissarin Jeannette Dürer spannungsfördernd verirrt, aber keine Definition des psychopathischen Täterverhaltens.

Korber, sprachlich nicht unbedingt überpräzis, benutzt den übergeordneten Begriff Serientäter. Wir wollen es aber jetzt, mitten in der Lektüre, genauer wissen. Wo könnten wir nachschlagen? Probieren wir es doch einmal mit dem von Katja Doubek zusammengestellten "Lexikon merkwürdiger Todesarten", das "seltsame Spielarten und Formen des Exitus" verzeichnet.Buchstabe R: "Rad" (Doubek meint Rädern - da legt selbst Korber mehr Wert auf ordentliche Begriffsfindung), "Radsportunfall" (ein Verzeichnis von zehn tödlichen Rennunfällen), "Rattengift" (daran starb Zar Peter III.), "Reitunfall" (bei Doubek nur im Fall Dschingis-Khans tödlich), und schon ist bei "Rennsport" Schluss mit dem rollenden Buchstaben. Macht ja nichts. Ein unsinnig zusammengestelltes Buch. Unter "merkwürdig" versteht Doubek im übrigen Allerweltsabgänge wie "Autounfall", "Herzinfarkt" und "Todesstrafe". Wenn sie wenigstens die richtig erklärt hätte. Weiterblättern. Als Opfer eines Serienmordes zu sterben, wäre doch wohl ungewöhnlich. Fehlt als Stichwort. Inzwischen leitet Korber derweil auf den Begriff "Attentat" über. Besuch der schwedischen Königin Sylvia. Ganz Nürnberg im Monarchistenfieber. Und der Mörder hat eine weitere Leiche angekündigt.

Tessa Korber: Toter Winkel. Berlin 2000 (Aufbau). 223 S., öS 116,-.

Katja Doubek: Lexikon merkwürdiger Todesarten. Frankfurt a.M. 2000 (Eichborn). 335 S., öS 321,

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FALTER 46/18

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