Vor 20 Jahren im Falter

... gab es trotz 70.000 leer stehender Wohnungen in Wien höchstens über Beislbesetzungen wegen überhöhter Obstsalatpreise zu berichten - so blickte man mit neidischem Staunen auf die Kraker-Szene in Amsterdam.

Vorwort | aus FALTER 44/00 vom 01.11.2000

Die Anfänge der Hausbesetzungen liegen zehn Jahre zurück. Bis vor einem Jahr verlief die Entwicklung mehr oder weniger gewaltfrei, weil die Kraker bei polizeilichen Räumungen nur geringen Widerstand geleistet haben.

Im Dezember 1979 kam dann das Symbol der Kraker zu seinem Symbolgehalt: "De groote Keijser", Sammelname für sechs große Spekulationshäuser in der Innenstadt, wurde für die Gemeinde ein unüberwindliches Problem. Die Häuser sollten nach einer gerichtlichen Verfügung des Eigentümers mit Gewalt geräumt werden. Die Kraker verbarrikadierten das Gebäude und drohten mit Widerstand. Daraufhin verließ die Gemeinde der Mut, die Räumung unterblieb. Einen Wendepunkt brachten die Ereignisse in der Vondelstraat im Februar und März dieses Jahres. Am 23.2. wird das Haus Vondelstraat 72 zum ersten Mal gekraakt. Nachts räumt die Mobile Einheit (eine Spezialtruppe der Polizei) das Haus gewaltsam; illegal, wie später auch zugegeben wird. Es wird beschlossen, das Gebäude zurückzugewinnen. Das Kraaken soll Öffentlichkeitscharakter haben und findet daher nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion statt, sondern tagsüber. Es geht nicht nur um dieses eine spezielle Gebäude, sondern um die Wohnungszustände in Amsterdam, um das Auftreten der Polizei und der Gemeinde. Die Kraker demonstrieren vor dem Bürgermeisteramt. Die ME will das Gebäude eigenmächtig räumen. Drei Tage lang herrschen bürgerkriegsartige Zustände. Bürgermeister Polak lobt das "beherrschte Auftreten" der Polizei, eine Beherrschung, die sich in Misshandlungen unbeteiligter Personen, lockeren Schlagstöcken, Bussen, die in Menschenmengen hineinfahren, Panzern, die Leute an die Mauern drängen, äußert. Die Interessen von Spekulanten und Kapital müssen mit allen Mitteln verteidigt werden. Kraker-Slogan: "Dieses Recht ist nicht das unsre."


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