Streifenweise

Kultur | Maya McKechneay | aus FALTER 44/00 vom 01.11.2000

Mit "The Filth and the Fury" (der Schmutz und die Wut) machte Julien Temple eine Schlagzeile des britischen Daily Mirror 1976 über einen Auftritt der Sex Pistols zum Titel seiner Dokumentation über die Ur-Punk-Band. So, als wolle er den Skandal von damals neu beleben.

Sein Film erzählt die Rise-and-Fall-Story der Sex Pistols in einer poppig-schnellen Collage aus Zeitdokumenten und neu aufgenommenen Interviews mit den Bandmitgliedern. Im Mittelpunkt stehen diesmal die Pistols selbst, nicht deren Manager Malcolm McLaren, der sich in Temples Doku-Fiktion "The Great Rock 'n' Roll Swindle" (1980) eitel als Band-Schöpfer darstellen durfte. Damals wurde das Phänomen Punk als intellektuelle Inszenierung wider die Konsumgesellschaft erklärt, heute folgt die Klarstellung: Die Jungs, der Schmutz und die Wut waren doch genauso echt wie der Skandal, den sie verursachten.

Der ganze Film kreist um den Begriff der "Wahrheit" und sucht ihn im soziologischen Ansatz. Wenn Gitarrist Steve Jones erklärt: "I definitely didn't feel wanted as a child", und Johnny Rotten gegen Drogen wettert, glaubt man, reuige Straftäter zu hören. Verschärft wird dieser Eindruck durch die Weigerung des Films, die gealterten Gesichter der Idole zu zeigen. Stattdessen dunkle Umrisse im Gegenlicht, wie in einer zweitklassigen TV-Reportage. Julien Temples Insider-Kenntnisse der Band hindern ihn offensichtlich, die ehemals radikalste aller Jugendbewegungen im Kontext der Massenkultur zu sehen. Statt zu fragen, warum Punk zwei Dekaden nach Rotten, Vicious & Co gerade jetzt von der Mode wieder zitiert wird (Piercings, Nietengürtel, Metallketten), gräbt "The Filth and the Fury" verbissen nach der Psychologie eines historischen Skandals.


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