Stadtrand: Unter Zombies

Stadtleben | aus FALTER 44/00 vom 01.11.2000

Die Siebzigerjahre sind eine echte Spaßbremse. Ich kann die Verehrung für Speisen, Moden und Produkte der Unterhaltungsindustrie aus dieser Zeit einfach nicht nachvollziehen. Sorry. Umso dramatischer, dass ich unlängst versehentlich in ein WickieSchleim-und-Paiper-Zeitloch geraten bin. Es geschah am Bahnhof Wien Mitte. Der versiffte Verkehrsknotenpunkt wäre an sich schon das Tor in eine andere Ekel-Dimension. Doch wer es echt hart will, sollte dort den Interspar aufsuchen. So also sah in Wien vor 20 Jahren der Fortschritt aus: beige-braun. Nichts gegen die Supermarktkette, aber diese Filiale ist echt der Hammer. Seit der Eröffnung dürfte hier nicht mehr viel renoviert oder saniert worden sein. Die klimatisierte Luft schmeckt, wie wenn die Filter noch original 1981 wären: bloß nicht zu viel davon einatmen! Die Teppichböden sind fleckig, die Beleuchtung ist düster. Wie die Blicke der Verkäufer. Auf Modeplakaten sehen die Models aus wie die Menschen in "Mundls Welt". Der Interspar Wien-Mitte gehört wohl zu den tristesten Orten der Stadt. Aber scheinbar gibt es eine Menge Leute, die gerne in Ostblockatmosphäre shoppen. Oder die Kunden dort sind in Wirklichkeit Zombies.

Nach ein paar Minuten habe ich das Gate zurück in die Zeros gefunden. Glück gehabt! C.W.


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