Tier der Woche: Kopf hoch!

"Wer eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, und wer einen Stein rollt, zu dem kehrt er zurück." Hebräische Bibel, Sprüche 26,27

Stadtleben | Peter Iwaniewicz, iwaniewicz@falter.at | aus FALTER 44/00 vom 01.11.2000

Dieser Tage werden zwar diesseitig eifrig politische Gruben gegraben, jenseitig widmet man sich aber vielmehr der Gruben- bzw. Gräberpflege. Die Linie 71 legt deswegen Sonderfahrten zum Zentralfriedhof ein, die Umsätze der Gärtnereien erreichen den letzten Höhepunkt im Jahr, und auf den In-Listen der Trendscouts findet sich die Novemberdepression.

Das traditionsreiche Gewerbe der Totengräber ist als Grabbetreuung wiederauferstanden, sodass man unter dem Begriff Totengräber heutzutage nur mehr einen kleinen, durchaus hübschen Aaskäfer der Gattung Necrophorus kennt. Aber in diesen dunklen Stunden sollen Sie nicht mit Details des tierischen Leichenfraßes konfrontiert werden, sondern durch einen Bericht aus der Welt der Leichenbestattung möglicherweise wieder zu neuem Lebensmut finden: Franz Joseph Gall, ein deutscher Anatom, hatte Ende des 18. Jahrhunderts eine eigenwillige Theorie aufgestellt, dass direkte Zusammenhänge zwischen Genialität, Begabung, Charakter und Schädelform bestünden. Zwei Anhänger dieser obskuren Lehre, Johann Nepomuk Peter, ein hochrangiger Staatsbeamter, und der ehemalige Sekretär des Fürsten Esterhazy, Josef Karl Rosenbaum, bemühten sich daher, in den Besitz von Köpfen bekannter Personen zu gelangen, um die "Schädellehre" mit entsprechenden Daten zu untermauern. Sie beschlossen also, den Schädel des seligen Joseph Haydn als Beleg sicherzustellen. Assistiert von einem Totengräber raubten sie drei Tage nach der Beerdigung das Haydn'sche Haupt aus dem Grab auf dem Hundsthurmer Friedhof. Doch Fürst Nikolaus Esterhazy wollte den Leichnam nach Eisenstadt überführen und dort in der Franziskaner-Gruft beisetzen lassen. Bei der offiziellen Exhumierung musste man bestürzt feststellen, dass auf dem Rumpf kein Kopf mehr saß. Bloß die Perücke hatten die Diebe zurückgelassen.


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