"Krieg ohne Waffen"

Balkan. Fünf Jahre nach Kriegsende leidet Sarajevo unter dem schleppenden Tempo des Wiederaufbaus, grassierender Korruption und nationalistischen Sturköpfen. Die internationalen Helfer suchen immer noch eine Antwort auf die Frage: Wie baut man eine Stadt auf?

Politik | Gerald John / Sarajevo | aus FALTER 46/00 vom 15.11.2000

Die Schlange bei der Brauerei war wieder einmal endlos lang. Auch Mehmed Alic'ehajic' hatte sich angestellt, um einen Kanister Wasser zu ergattern. Weit hinten stand er, eingezwängt zwischen Tausenden Menschen. Glücklicherweise. Denn plötzlich krachte es. Als sich der Rauch verzog, sah Alic'ehajic' reglose Körper am Boden liegen.

Der pensionierte Lehrer führt Fremde gerne durch die Stadt. Nicht nur die Jahreszahlen der historischen Gebäude gibt er dann auswendig wieder. "Neun Tote am 15. Jänner 1993", sagt Professor Alic'ehajic', als er bei der fein säuberlich renovierten Brauerei um die Ecke biegt. Viele der von Granateneinschlägen herrührenden Löcher sind fünf Jahre nach Kriegsende längst verputzt. Von Frieden spricht Alic'ehajic' dennoch nicht. "Wir haben immer noch Krieg", meint er, "nur ohne Waffen."

Mehmed Alic'ehajic' ist wie viele Bürger Sarajevos enttäuscht. In den ersten Wochen des Krieges kauerten sie noch gemeinsam in den Kellern - Serben, Kroaten und Bosniaken,


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