Kunst kurz

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 46/00 vom 15.11.2000

Einige der gröbsten Schwierigkeiten, die Lewis Carrolls Alice im Wunderland bewältigen muss, haben damit zu tun, dass sie sich räumlich nicht mehr zurechtfindet. Gleich zu Beginn ihres Traums schwebt sie durch einen elendslangen Schacht, in der Folge wächst und schrumpft das neugierige Mädchen jedes Mal, wenn es von etwas kostet. Die ihr begegnenden Figuren entpuppen sich als Spielkarten, welche gierig aus ihrem zweidimensionalen Dasein herausdrängen. Moderne Überwachungstechnologien verorten Personen im Raum, stellen An- und Abwesenheit fest: Am Beginn ihrer Karriere arbeitete Julia Scher für Sicherheitsfirmen und erwarb dabei nicht nur praktische Kenntnisse auf diesem Feld der Angst. In Interviews weist sie auf die tiefe menschliche Sehnsucht nach Ordnung und Sicherheit hin, die zu dem Wunsch, kontrolliert zu werden, pervertiert.

Schers Installation "Wonderland" bei Georg Kargl (bis 5.12.) dreht die normalen Verhältnisse um: Kinder, die zwangsläufig am stärksten observierte soziale Gruppe, sind auf Fotografien in rosa Uniformen mit dem Firmenlogo "Security by Julia" zu sehen. Die Mädchen und Buben tragen Überwachungs-Hightech; während man sie betrachtet, wird man selbst gefilmt. Den dazugehörigen Monitor findet man im nächsten Raum, einem verkleinerten Wachdienstbüro, das mit Heimorgel und Zuckerln ("White Rabbit") aber eher an ein Spielzimmer erinnert. Der kindlichen Sexualität - im viktorianischen Zeitalter galt etwa Onanie als Quelle allen Übels - frönte Reverend Dodgson (Pseudonym Lewis Carroll) durch Fotos nackter kleiner Nymphen. Damals wie heute versucht man unter dem Vorwand des Schutzes von Kindern viel weiter reichende soziale Kontrollmöglichkeiten zu installieren. Fern von Moralismus verhält sich Scher als Autorin ungefähr so wie die grinsende Katze: Amüsiert beobachtet sie die Situation und taucht nur auf, um ambivalente Antworten zu geben.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige