Standpunkt: Doktor, bitte warten

Politik | aus FALTER 47/00 vom 22.11.2000

Neulich sprang VP-Generalsekretärin Rauch-Kallat dem Kanzler zur Seite. Schüssels in der Jerusalem Post transportiertes Geschichtsbild ("die Nazis nahmen Österreich mit Gewalt ein, die Österreicher waren das erste Opfer") unterscheide sich kaum von einer 1993 an der Universität Jerusalem abgegebenen Erklärung Franz Vranitzkys. Und die hätte "ihm immerhin die Verleihung der israelischen Ehrendoktorwürde eingetragen". Stimmt, der erste Teil der Rede war wahrlich keine Heldentat. Der SPÖ-Kanzler sprach von "Leid, das nicht von Österreich - der Staat existierte nicht mehr - zugefügt wurde". Er sprach von "einem Anteil der Verantwortung" und davon, dass "der Begriff Kollektivschuld nicht anzuwenden ist (wohl aber kollektive Verantwortung)". Trotzdem hätte Rauch-Kallat die gesamte Rede aus dem Archiv ausgraben müssen. Denn ein paar Absätze weiter verurteilte der Altkanzler das, worauf Schüssel heute wieder pocht: "Die Moskauer Deklaration von 1943, in der Österreich zum ersten Opfer der Nazi-Aggressoren erklärt wurde, wurde leider lange als die einzige Wahrheit akzeptiert und konnte dadurch das Eingeständnis der dunklen Seite unserer Geschichte blockieren." Und genau deswegen gibts für Schüssel nur Entrüstung und schon gar kein Ehrendoktorat. N. W.


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