Spielplan

Kultur | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 47/00 vom 22.11.2000

Eine Schnapsflasche, ein Kondom und ein Boxhandschuh: Das ist der junge wilde Brecht. Ein Laib Brot, eine Kanne Milch und ein Teller Suppe stehen für den alten mönchischen BB. Das Leben Brechts ist eine Serie von großteils selbst inszenierten Klischeebildern, die Robert Quitta nur zitathaft-ironisch bedient. "Brecht bekehrt sich" heißt sein neues Stück, mit dem er - zwei Jahre nach "Artaud in Rodez" - in das Theater des Augenblicks zurückgekehrt ist, um sich eines ganz anderen Theatervisionärs des 20. Jahrhunderts anzunehmen. Anders als damals und in fast allen bisherigen Quitta-Stücken wird diesmal aber keine exemplarische Episode aus dem Leben des Helden, sondern die komprimierte Fassung seiner ganzen Biografie präsentiert: Brecht fast forward - vom Kraftlackel mit Box-Tick zum Marxisten mit Buddha-Gehabe in 70 Minuten.

Die Besetzung der Titelrolle mit dem jungenhaften Christian Kainradl grenzt an Verhöhnung des Gegners: Weniger Brecht geht nicht. Bei Quitta ist Brecht ein Schwächling, der zeitlebens auf der Suche nach einem Leitbild ist. Während er übers Ficken schwadroniert, wird er von einer halb nackten Frau mehr mütterlich als lüstern beobachtet; während er säuft und boxt, wird hinter seinem Rücken gedichtet und philosophiert; und während er sich zum Marxismus "bekehrt", werden Schultafeln mit entsprechenden Reizwörtern auf die Bühne geschoben. Letzteres ist in die szenische Sensation einer ansonsten wie üblich ziemlich kargen Inszenierung, in der die Stärken und Schwächen des Quitta-Theaters ganz nah beieinander liegen: Man sieht zwar, dass es gut ausgedacht ist; man vergisst aber auch nie, dass es ausgedacht ist. Vielleicht haben Brecht und Quitta ja mehr gemeinsam, als sie ahnen.


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