Die Rache der Erinnerung

Literatur. Mit ihrer melodramatischen Familien-Saga "Der blinde Mörder" wurde Margaret Atwood mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Fragt sich nur, warum.

Kultur | Klaus Nüchtern | aus FALTER 47/00 vom 22.11.2000

Zehn Tage nach Kriegsende lenkte meine Schwester Laura ein Auto von einer Brücke." So beginnt Margaret Atwoods soeben auf Deutsch erschienener und mit dem Booker Prize ausgezeichneter Roman "Der blinde Mörder". Weitere wichtige Tote folgen im Abstand von 2, 30 und 43 Jahren auf den ersten 40 Seiten. Die Erzählerin selbst, Iris Griffen, geborene Chase, scheidet am 29. Mai 1999 und auf Seite 687 dahin. Dazwischen liegen viele, viele Seiten, gefüllt mit Erinnerungen an die Dreißiger- und Vierzigerjahre; unterbrochen von Zeitungsmeldungen und Ausschnitten aus Lauras posthum veröffentlichtem Skandalroman "Der blinde Mörder", der die für das Erscheinungsjahr 1947 als freizügig durchgehende Schilderung einer Amour fou enthält und - sozusagen als Roman im Roman im Roman - Auszüge aus jenen blutrünstigen Fantasy-Schwarten enthält, mit denen sich der Geliebte der jungen Icherzählerin, ein engagierter Linker, sein Brot verdient.

Das alles klingt komplizierter, als es tatsächlich ist.


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