Spielplan

Kultur | Helmut Ploebst | aus FALTER 48/00 vom 29.11.2000

Das Kind im Manne ist manchmal ein gar herziges Tschapperl. Egal, ob da einer mit Eisenbahnwaggons spielt oder mit ein paar netten Leuten auf der Bühne. Der Choreograph Elio Gervasi spielt gern, und das zeigt er auch jetzt im WUK mit den beiden Stückchen "Raum Ruhe Gravitation" und "Hundred-Fifty Feet". "Wir steigen ein, scheint auch der Fahrplan ohne Sinn", sang einst der "Mr. 100.000 Volt"-Elektriker Gilbert Becaud. So ist es. Gervasi fährt planlos, dafür aber mit Niedrigspannung, Richtung Disneyland. Hier flattert ein gewaltiger Packpapierrock unter einem Video-Mond, dort springen kleine Passagiere in bunten Gummirockerln, selbstvergessene Dancers in the Quark. Und so entgleist der kleine Zug, das Kind in Gervasi lächelt selig, wir gehen nach Hause und bedauern, dass ein an Jahren reifer Choreograph uns für so blöde hält, dass wir dafür unsere Hände in Applaus waschen sollen.

Daniel Aschwandens Bilderwerfer haben sich ins Schienen-Net des WWW eingeloggt, und das unterirdisch in der Babenberger-Passage. Dort klickert ein digitales "be right back" in Chatroom, Kuchl, Kabinett. Die Kommunikationswut im Net wird als virtuelles Ventilieren unerfüllter und unerfüllbarer Sehnsüchte projiziert, endlos gestricktes Plappern entleert sich während der Performance. Trotz schöner neuer Modemwelt würgt jede/r an sich und der Gesellschaft, bleibt der Sex ein irdisches Jammertal; selbiges wird gnadenlos ausspioniert und an die Öffentlichkeit geworfen. Im Net sind wir abwesend anwesend; jeder macht dem anderen etwas vor, es ist die gewaltigste Lügenmaschine, die je erfunden wurde. Im Dunkel der Chatrooms agieren alle als Wörterschrott absondernde Phantome. Und Bilderwerfer verstehen sich bestens auf die schrotthafte Performance. In der sinister ausgeleuchteten Passage fährt die Eisenbahn über die schmierige Medienwelt, in der viele vergeblich ihr Heil suchen.


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