Vor 20 Jahren im Falter

... fährt a.t. in der U-Bahn und philosophiert über die Tücken des Türgriffs.

Vorwort | aus FALTER 49/00 vom 06.12.2000

Die Lichter der Station. Die Luft, welche die Türen zusammenhält, entweicht hörbar. Gelassen wartet der Passagier, bis sie ganz entwichen ist, um dann den Griff mit leichtem Fingerdruck umzulegen und die Türe aufschnappen zu lassen. Nichts da! Eine gedrungene Hand mit hellbraunen Sommersprossen, rötlich behaart, Siegelring, Saiko-Quartz, Manschettenknopf, greift an ihm vorbei und legt sich um den Griff. Die Luft ist noch nicht entwichen, versucht die Hand den Griff schon umzulegen. Sommersprossen muss kräftig ziehen. Nur langsam öffnet sich ein Spalt. Siegelring wirft das ganze Nappaleder dazwischen, um der Erste zu sein. Gehetzt drückt er mit dem Bauch gegen die Plastik-Weichkante, damit sich die Tür ganz öffne. Die andere Tür bleibt zu. Der Strom der Hinausdrängenden trennt - im Glauben, sie sei kaputt - den Einzigen, der wüsste, wie man sie öffnet, von ihrem Griff. Um hinauszugelangen, muss er einer anstürmenden Pensionistin ihr eigenes Einkaufszweirad gegen das Schienbein drücken.

Rüstige Rentner gehen mit ihren Muttis U-Bahn fahren, um ihnen zu zeigen, wie stark sie sind. Türöffnen ist Männersache.

Es gibt kaum Möglichkeiten, aufklärend zu wirken; um zu zeigen, wie die Türen funktionieren, müsste man warten, bis die Luft ganz entwichen ist, aber es gibt immer die Hand, die vorgreift. Der Mann an der Hand hat sich darauf versteift, nicht zu lernen, wie die Türen funktionieren. Er verlegt den Fehler von sich in die Sache. Die Sache, das ist der Griff, der im richtigen Augenblick zu bewegen wäre. Dies zusammen mit der Tatsache, dass ein beweglicher Griff an einer Schiebetür, wo man ja nur feste Griffe gewohnt ist, sich befindet, stellt einen neuen Sachverhalt dar, zu dessen Bewältigung Intelligenz notwendig ist. Aus ihrem Fehlen allein lassen sich die geschilderten Erscheinungen nicht erklären.


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