"Negerstaaten"

Geographieunterricht. Postbedienstete, die C-Beamte werden wollen, müssen ein seltsames Geographie-Skript büffeln. Herausgeber der Lernunterlage: der Österreichische Gewerkschaftsbund.

Politik | Nina Weissensteiner | aus FALTER 49/00 vom 06.12.2000

Unser Heimatland Österreich", führt der Verfasser der Lernunterlage karrierebewusste Postbeamte an die Materie behutsam heran, "ist im Herzen Europas gelegen und wird zu einem überwiegenden Teil von Gebirgen eingenommen." Ab Seite 73 werden die künftigen C-Bediensteten über unsere Nachbarn aufgeklärt. "Im Süden", steht da geschrieben, "grenzen zwei Staaten an Österreich an, Italien und die Volksrepublik Jugoslawien." Wer zu diesem Zeitpunkt immer noch in diesem Skript büffelt, bekommt schon ein paar Seiten später weitere Topinformationen geliefert. Diesmal über "den Norden". "Deutschland spaltet sich in zwei Teilgebiete auf, 1. die Bundesrepublik Deutschland mit der Hauptstadt Bonn (...) und 2. die Deutsche Demokratische Republik DDR als kommunistisch regierte Ostzone." Auf Seite 90 schließlich lässt der ÖGB noch ein wenig über Afrika auswendig lernen: "Während im mittleren Afrika die einstigen britischen, französischen und belgischen Kolonien in unzählige unabhängige Negerstaaten zerfielen, wird die Republik Südafrika von Weißen (...) beherrscht."

Ein Skript aus den tiefsten Fünfzigerjahren, aus der Ära des Kalten Krieges? Nein, die Fassung stammt aus dem Jahr 1991. Das Gesetz, das die Prüfung regelt, ist übrigens noch ein wenig älter: "Von der Abnahme der Eignungsprüfung wird abgesehen, wenn ein Bediensteter bereits vor dem 13. März 1938 in den Post- und Telegraphendienst aufgenommen wurde."


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