Chronologie einer Beseitigung

Reportage. Eine Österreicherin kämpft seit Jahren um die Rückkehr ihres abgeschobenen Bruders. Erfolglos, obwohl das Fremdenrecht seine Abschiebung heute verbieten würde. Der Fall zeigt, wie das rote Wien Gastarbeiterkinder noch immer aus ihrer Heimat verbannt.

Politik | Florian Klenk (Text) und Heribert Corn (Fotos) | aus FALTER 50/00 vom 13.12.2000

"Zu viele Illegale, Straftäter, Drogendealer. Das muss unser Interesse sein, hier eine konsequente Beseitigung herbeizuführen." Jörg Haider, Oktober 2000 Eine Bitte hat Nurtena: Sie möchte nur so fotografiert werden, dass man sie in der Zeitung nicht erkennt. "Wegen der Polizei", sagt sie. Und wegen der Nachbarn, "die mir vielleicht eine am Schädel hauen". Nurtena, 32, hält sich die Hand vor den Mund. Ein Zahn ist ausgefallen. Das kommt vom Zähneknirschen in der Nacht, haben die Ärzte gemeint. Die Kiefer schlagen im Schlaf aneinander. Kommt von den Depressionen, die seit fünf Jahren nicht mehr vergehen wollen. Von der Lücke, die ihr Bruder in Wien hinterlassen hat.

Zweiter Bezirk, Volkertmarkt. Suche nach Bruchstücken einer Kindheit. Nurtena tritt den Beweis dafür an, dass ihr Bruder ein Wiener, "der Fritzi von nebenan", sein könnte. Vor den Behörden ist dieser Beweis misslungen, sie haben ihn 1995 abgeschoben, in ein Land, das sie für seine Heimat halten. Ein Land,


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