Comandantina Dusilova: Die Spachtelmasse

Stadtleben | aus FALTER 50/00 vom 13.12.2000

Ein schlichter Grundsatz in Amerika lautet: "Mörtle nicht!" Das Leben in den Vereinigten Staaten bezieht einen Großteil seiner Qualität aus der Erkenntnis, dass das Aufschlichten von Lehmziegeln und Zuspachteln von Oberflächen ganz einfach ist. Während Häuser in Schnitzelland und sämtliche in dessen Hauptstadt gemeinhin aus kaltem, traurigem Ziegelgestein errichtet werden, bastelt die Neue Welt ihre Heimstatt seit den Tagen der Pilgerväter aus Findlingen und leichten Planken. Und Amerika schämt sich seiner Oberflächen nicht! Holz sieht hier aus wie Holz und Stein wie Stein. Anders das Land, das vom hochnäsigen Wien aus regiert wird. Es hat in den Tagen des Barock die römische Unsitte des Ziegelbaus importiert. Weil sich aber roher Ziegel ganz und gar nicht zur Darstellung verwegener Fassaden und atemberaubender Gesimse eignet, kam der Mörtel, die Spachtelmasse für Paläste, in die Welt. Innen wie außen wurde gegipst und gemörtelt, was das Zeug hielt, und wer kein Fürst war oder Uhrmacher, wurde Maurer. Wer einst Untertan war, istheute angestellt. Aus Palästen wurden Museen. Aus Fürsten Hotelbesitzer. Geblieben aber ist den Österreichern das Zuspachteln von Oberflächen. Österreich, du Spachtelmasse! Praise the Lord!


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