Die Tätigkeit des Religionens

Interview. Der "Falter"-Predigtdiener entdeckte Johannes Rauchenberger, Leiter des Grazer Kulturzentrums der Minoriten, im Fernsehen und traf ihn wenige Tage später zum Gespräch über die Religion in der Kunst, Maria und "Taxi Orange".

Stadtleben | Hermes Phettberg | aus FALTER 51/00 vom 20.12.2000

Während wir in Wien sind, wurde ein junger zorniger Theologe, Dr. Johannes Rauchenberger, Leiter des Kulturzentrums der Minoriten in Graz. Und hielt zur Unbefleckten Empfängnis, am 8. Dezember, eine sensationell andere Fernsehpredigt im ORF. Da zappte gerade Phettberg vorbei und musste ihm begegnen. Zum Glück war Rauchenberger ein paar Tage später zu einem Vortrag über "Tizians Verkündigung" in Wien. Sie verabredeten sich vor dem Portal der Votivkirche.

Hermes Phettberg: Das Problem ist ja Gott selber, weil er so ein cooler Überdrübersuperbrummer ist. Der Religion wäre also vorzuwerfen, dass sie uns so wen als Idol herstellt und wir dann glauben, auch so tüchtig werden zu müssen. Und dann kommt der Jörg Haider heraus.

Johannes Rauchenberger: Religion ist wieder in Fahrt gekommen. Es ist so was wie "religionen heute", als Verbum, wie "ich sitze", "ich schlafe", "ich kaufe", "ich religione". In den Siebzigerjahren war es nötig, sich fürs Glauben zu rechtfertigen, während es heute wieder durchaus üblich ist.

Drum haben Sie in Ihrer Unbeflecktheitspredigt im Fernsehen denen Zund gegeben?

Na ja, ich habe zunächst einmal nicht für die Unbeflecktheit votiert, weil die in ihrer Geschichte natürlich viel Unheil angerichtet hat. Bevor ich mein Plädoyer für die Maria gehalten habe, habe ich meinen Zwiespalt betonen müssen: Wie viel falsche Folklore da drin ist, wie viel verdrängte Sexualität und gleichzeitig auch Aggression.

Wir sind doch generell widerborstig. Indem der Jesus so und so war, müsste er das nicht in einer Art Trutz gegen seine Eltern entwickelt haben? Vielleicht war die Maria eine Schwierige, ihn Neurotisierende? Und hat ihn fertig gemacht? Und er hat durch sein So-Sein geantwortet. Widerspruchsautomatisch?

Ich habe mir über die Psychologie Mariens noch nie Gedanken gemacht. Eigentlich muss ich gestehen, dass mich auch gar nicht interessiert, wie es wirklich war, sondern was aus dieser großen Geschichte geworden ist. Auch die Bilder der Maria sind, wie alle Bilder im Christentum, allmählich entstanden. Und diese hatten auch Blütezeiten, die stärker sind als Dogmen. In der Rennaissance zum Beispiel ist Maria öfters dargestellt worden als Jesus selber.

In "Taxi Orange" war jetzt die Linda mit dem toten Pferd eine der meistgewählten Frauen, die hat mich so ein bissl an die Marienbilder erinnert. Eine sehr Gehorchende. Wo wäre denn die Geborstenheit und Zerrissenheit Mariens?

Die Verniedlichung der gehorchenden Maria ist erst spät passiert, als der ganze Eros aus dem Marienbild ausgewandert ist, im 18. Jahrhundert. Im Grunde geht es schon um das Eingemachte. Als bildnerische Idee, wie das Ewige, nämlich Gott selber, in die menschlichen Bedingungen von Liebe und Enttäuschung, von Geburt und Tod kommen kann. Und zwar durch den Schoß der Maria. Da konnte Maria ganz schön zerrissen sein. Das darzustellen drängte es die Maler immer wieder neu. Am stärksten finde ich den Tizian. Zum Beispiel in seiner "Verkündigung in San Salvadore in Venedig": Da gehts sehr erotisch zu, hochroten Kopfs stürmt der Erzengel da rein mit erigiertem Glied. Und das rote Tuch entflattert um das Glied des kleinen Engels da drüber. Beide sind auf den Schoß Mariens gerichtet. Und drunter steht "ignis ardens non comburens" - "Das ewige Feuer, das nie verbrennt". Und die Maria in ihrer ganzen leiblichen Gedrungenheit! Da hat es also schon Entwürfe gegeben, die gesessen sind. Aber in dem Moment, wo man das leibliche Moment weggetan, verwischt hat, ist die Aggression gestiegen und die Rosenkranzsühnekreuzzüge wurden mit den Legionen Mariens geführt.

Also, wenn ich mit Leuten beisammen bin, die in der Religion sind, habe ich immer das Gefühl, darüber und darüber kann ich nicht reden, das und das darf ich nicht anspielen, da würde ich sie verletzen. Ich muss mich ständig bremsen in meinem Vollsein.

Vielleicht ahnen Ihre "Bremser", dass der Lebensgeist sich woanders befindet, deshalb die gedrückte Stimmung, und die anderen sind so herrlich erlöst. Mich interessiert, was geworden ist: Und am stärksten merkt man das bei der Kunst, die in ihrer Geschichte der Beerbung von Religion von sich aus den Anspruch anmeldet, Besitzerin des neuen Geistes zu sein. Die Fundis akzeptieren das nicht und verweigern sich dem Heute, und die Zeitgeistigen liefern sich den neuen Tempeln aus und verraten sich selber. Ein gefährliches Spiel ...

Viele Intellektuelle hier in Wien freuen sich am Krenn aus volkstumspornographischer Lauer.

Das erlebe ich zu meinem Schrecken auch bei Künstlern. "Wenn schon, denn schon", heißt es da. Aber diese stehen außerhalb, und das reicht nicht. Es braucht zur Tätigkeit des Religionens den Insider, der leidet. Die radikalste ästhetische Form verniedlicht, wenn sie nicht erlitten wird. Und ich finde, das Ganze geht dann schon noch tiefer, was das Christentum einzubringen hätte in unseren Religionenmix: Das christliche Bild, das eingefügt werden könnte, ist der gescheiterte Christus, gekreuzigt. Im Tiefsten erniedrigt.

Wie ist es überhaupt gelungen, dass so eine spannende, junge Persönlichkeit wie Sie Leiter des Minoritenzentrums werden konnte, nach dem Tod von Josef Fink?

Der Fink hat mich ex cathetra als Nachfolger eingesetzt, als er den Tod ahnte. Ich habe seit meiner Schulzeit Kunst gemacht, und nach dem Studium habe ich bei der II. Europäischen Ökumenischen Versammlung eine große Ausstellung mit europäischen Künstlern mit dem Titel "Entgegen" mitkuratiert. Das hat dem Fink gefallen, weil er auch immer ein Widerborstiger war.

Mich hat ja fast der Blitz getroffen, als ich beim Zappen einen Zipfel Ihrer Fernsehpredigt erwischte. Das einzige intellektuelle Wort im ganzen Fernsehen das ganze Jahr, von einem Sexy aus dem religiösen Raum! Ich habe ja nichts mehr erwartet, religiös, auf Erden von diesen Schmuckzeremonienmeistern der Sich-Versteckenden.

Sie verstecken in der Tat viel. Und bewahren vor allem vergangene Dinge, archivieren akribisch eigentlich und zeigen dadurch, wie tot diese Religion ist. Das Höchste, wozu sie in der Lage sind, ist die Denkmalpflege.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich beschäftige mich mit der Frage, wie der Fortgang der Religion in der Kunst aussehen kann. In welcher Art von Religionsgeschichte wir eigentlich leben. Zu diesem Thema, das wir am Komplex der Materie aufhängen wollen, planen wir eine große internationale Ausstellung zum Kulturjahr 2003, wo Graz Kulturhauptstadt Europas sein wird. Und stellen natürlich die christliche Bildgeschichte dazu!

Aber das Leben ist noch wichtiger als das Bild, das laut dem zweiten Gebot Gottes ja generell verboten wäre, es sich zu machen. Madonna oder die Raver sind die Bilder von heute ... Die sind alle gültig? Die Reize alle, wo sagen Sie da stopp? Oder sagen Sie: Sündigt mehr, bringt eure Laster ein?

Bei der Religionsverschiebung zu den religiösen Codes der Popkultur, des Sports, der Politik, da hat das Bilderverbot durchaus seinen Sinn. Als Störung. Und die negative Theologie, wenn sie sagt, wir können sagen, was es nicht ist, aber nicht, was es ist. Die Spannung sichtbar machen, wie das Ewige in Jesus in die Hölle stieg. Wie er es durchgestrichen hat. Stopp sage ich zur Verniedlichung. Die allzu adressatenfreundliche Verkündigung. Ein gefälliges Bild, da sage ich stopp. Das Durchbrechen ist die Funktion des Theologischen.

Ich religione ja in der Libertinage bzw. würde gerne ...

Libertinage kann richtig sein, wenn alles rundherum prüde ist, wenn alles libertinistisch ist, brauchen wir wieder die Säulensteher in der Wüste .


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