Stadtrand: Wir Kellerkinder

Stadtleben | aus FALTER 03/01 vom 17.01.2001

Bereits als goldgelockte Bübchen und zuckersüße Mädchen werden wir schonungslos gehetzt, der unflätige Pöbel hat es auf uns schon im ganz zarten Alter abgesehen - die anderen Kindergartenkinder vulgo Kindergartenmonster laufen uns plärrend und blutrünstig nach: "Brillenschlangeeeee!"

In der Schule gewinnen dann die blöd in die Welt schauenden, weil unbebrillten Rabauken gleichsam Ehrenpreise, knallen sie uns gekonnt unsere Sehhilfen beim Fußball von der Nase. Dazu dumpfes Gegröle beim Einzelteile-Einsammeln.

Später, wir haben es in unserer weitsichtigen Art und Weise endlich auf die Universität geschafft, stehen die Sticheleien kurzsichtiger oder gleich blinder Kommilitonen an: Wir werden als Streber verunglimpft und müssen ob unseres gescheiten, weil bebrillten Aussehens immer die besten Noten einfahren.

Wir Brillenträger! Wir Kellerkinder!

All das kann uns nicht mürbe machen. Wir haben den Durchblick. Und dass wir im Winter, sobald wir ein geheiztes Lokal betreten, saublöd in die Mattscheibe glotzen; dass wir mit vernebelten Augengläsern tatsächlich ein Bild des Grauens abgeben und gleichzeitig ein Zeugnis unserer Unbeholfenheit ablegen - das übersehen wir jetzt.

Wo. P.


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