"Geballtes Schweigen"

Literatur. Gedichte und Diktaturen: Paul Celans Werk wird in einer Monographie neu interpretiert. Eine Reihe von Anthologien dokumentieren den Lyrik-Divan der Stalinzeit.

Kultur | Erich Klein | aus FALTER 04/01 vom 24.01.2001

Als zwei Schweizer Journalisten vor sechs Jahren einen Artikel über die Steuerhinterziehung von Bergbauern mit den Worten "Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich morgens und mittags" begannen, wurde das von einem Literaturwissenschaftler als Tabubruch und fast als eine Art "Auschwitzlüge" angesehen. Wer heute Celan sagt, meint fast nur Auschwitz - kaum mehr die Gedichte danach.

In den fröhlichen Fünfzigerjahren - Provokation stand hoch im Kurs, Political Correctness war noch nicht erfunden und zu ästhetischer Korrektheit mutiert - verwarfen Artmann & Co, die in Dialekt und Sprachexperiment ein Mittel zur Überwindung der Sprache des Unmenschen suchten, die Todesfuge einfach als Kitsch: Rilke, Trakl plus ein wenig Surrealismus.

Kurioserweise wird der 1920 im altösterreichischen Czernowitz geborene Paul Celan (Freitod 1970 in Paris), dessen Eltern von den Nazis ermordet wurden, bis heute als fixer Bestandteil patriotischer, österreichischer Literaturgeschichte betrachtet. Tatsächlich


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