Aufgeblättert

Kultur | Franz Gutsch | aus FALTER 05/01 vom 31.01.2001

Männer von Natur aus aggressiver." "Intelligenzgen gefunden." Angesichts solcher Schlagzeilen gerät die seriöse Biologie in Nöte, und die Kulturwissenschaften stellen einmütig fest: Biologismus. Das alles ist sehr schade, denn Verhaltensgenetik und die Konstruktion eines zeitgemäßen Menschenbildes sind zu spannend, um sie der Sensationsgier zu opfern oder zwischen Ignoranz und leichtfertiger Zurückweisung verkommen zu lassen. Die vermutlich beste Darstellung dieses Forschungsfeldes, die zurzeit am deutschen Sachbuchmarkt zu haben ist, stammt vom US-amerikanischen Wissenschaftsautor Jonathan Weiner. Auch wenn er sich in "Zeit, Liebe, Erinnerung. Auf der Suche nach den Ursprüngen des Verhaltens" hauptsächlich mit Fliegen beschäftigt. Das aber mit gutem Grund: Ihr genetischer Code und viele Regulationsstrukturen sind denen des Menschen nicht unähnlich.

Als die so genannte Sloterdijk-Debatte durch die Feuilletons geisterte, hielten sich die Biologen eher bedeckt. Zu nah war anscheinend die Erinnerung an die Allianz ihres Faches mit dem Nationalsozialismus. Wie Thomas P. Weber zeigt, ist die moderne Biologie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert in gesellschaftliche Zusammenhänge eingebettet und muss sich dieser Geschichte auch stellen. In "Darwin und die Anstifter. Die neuen Biowissenschaften" geht er zurück in die Zeit vor Darwin, um das kulturelle Umfeld zu rekonstruieren, aus dem der Darwinismus entstanden ist. Weber erschließt die historische Dimension der Gegensätze Natur/Kultur oder Erziehung/Zucht und zeigt, dass die damals formulierten Fragen an die gesellschaftliche Bedeutung der Biologie bis heute virulent geblieben sind.

Jonathan Weiner: Zeit, Liebe, Erinnerung. Auf der Suche nach den Ursprüngen des Verhaltens. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Berlin 2000 (Siedler). 430 S., öS 364,-.

Thomas P. Weber: Darwin und die Anstifter. Die neuen Biowissenschaften. Köln 2000 (DuMont). 270 S., öS 291,


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