Aufgeblättert

Kultur | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 07/01 vom 14.02.2001

Er hat den obligaten Wochenendausflug mit den Buben hinter sich und steht im strömenden Regen vor der verschlossenen Tür seiner Exfrau, die noch nicht zu Hause ist. Er erinnert sich etwas verbittert an die schikanösen Anwaltsbriefe, die sie ihm nach der Trennung zukommen hat lassen. Und dann geht ihm auf einmal ein ganz anderes Bild durch den Kopf: "Er dachte daran, wie vor Jahren seine Frau gelacht und ihm die Zunge mit seinem Samen darauf ausgestreckt hatte." Die Gleichzeitigkeit von Hass und Lust, Hoffnung und Verzweiflung ist das Thema, das der als Drehbuchautor ("Sammy and Rosie Get Laid") bekannt gewordene Hanif Kureishi in dem Erzählband "Dunkel wie der Tag" in zehn Variationen abwandelt. Ob Ehemann oder Liebhaber, ob Exfrau oder neue Freundin - glücklich sind sie bei Kureishi alle nicht, aber weil Leben heißt, "in gewissem Sinn an die Zukunft zu glauben", lieben sie halt weiter. Dass die Geschichten jeweils aus der subjektiven Perspektive einer Person erzählt werden, ist mehr als bloß ein erzählerischer Trick, sondern vermittelt die sarkastische Message des Buches: Sogar bei der Liebe ist sich jede/r selbst am nächsten.

Mit "Dunkel wie der Tag" setzt der Autor virtuos fort, was er mit dem vorangegangenen Buch "Rastlose Nähe" furios angefangen hat: Der jetzt als Taschenbuch erschienene Roman ist die notdürftig camouflierte Geschichte von Kureishis eigenem Trennungsdrama: Der Icherzähler hat beschlossen, seine Frau und seine Kinder zu verlassen, und schreibt auf 160 schonungslos offenen Seiten nieder, was ihm in der schlaflosen letzten Nacht vor dem Abgang durch den Kopf geht. Das ist nicht immer schön, aber manchmal sogar witzig und immer wahr. Wer wissen will, wie es in den Köpfen der Männer aussieht, sollte Hanif Kureishi lesen.

Hanif Kureishi: Dunkel wie der Tag. Erzählungen. Deutsch von Bernhard Robben. Reinbek 2000 (Kindler). 238 S., öS 288,-.

Rastlose Nähe. Roman. Deutsch von Leonie von Reppert-Bismarck. Reinbek 2001 (rororo). 159 S., öS 109,


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