Stadtrand: Laute Esser

Stadtleben | aus FALTER 08/01 vom 21.02.2001

Die Wiener brüllen gerne. Am liebsten die Sorte, diedie gleichen Restaurants besucht wie ich. Da geht man nach längerer Zeit wieder einmal mit einem Freund essen und hat es bis zur Nachspeise nicht geschafft, irgendetwas über das Leben dieses Freundes zu erfahren, weil ein Unbekannter am Nachbartisch sein gesamtes Leben in einer Lautstärke auf den Tisch legt, dass es nicht nur seinen Freunden die nächsten Tage nicht mehr aus den Ohren gehen wird, sondern allen, die gerade im Lokal sitzen. "Wann i ehrlich warad, dürfat i net amal nach Amerika einreisen", erklärt der Unbekannte, der schon sehr bald ein viel zu Bekannter wird, "wö wenn ma wegn Drogn im Häfn war, derf ma net eine." Dafür war er schon auf Kuba: "De Leut megn den Castro, des hob i g'sehn." Und natürlich kann er sich gut erinnern, wie das Essen in der Karibik geschmeckt hat. Ich weiß es jetzt auch viel zu genau.

Genauso wie ich erfahren durfte, wieso er Bioklopapier kauft, Essigreiniger und "Almond Pie" mag und natürlich auch, was sein gesamter - mir vollkommen unbekannter - Freundeskreis gerade so tut. Seine Tischkollegen konnten zwischendurch gerade nicken oder anerkennend "Mhm" murmeln. Uns Nachbartischlern blieb nichts anderes übrig, als schweigend das Essen zu löffeln und dann zu zahlen. Wie es meinem Freund geht, weiß ich bis heute nicht. N. H.


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