Kunst kurz

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 09/01 vom 28.02.2001

Sagen Sie doch mal was auf Vorarlbergerisch!", fordert die pensionierte Buchhalterin Lee Elmer den Künstler Rainer Ganahl auf und dreht damit den Spieß um, denn eigentlich sollte sie für sein Projekt "Sprache der Emigration" aus ihrem eigenen Leben erzählen. Ganahl, der selbst seit zehn Jahren in New York lebt, besuchte neun vor den Nazis geflüchtete und im Big Apple gelandete österreichische Emigranten und führte mit ihnen Gespräche, die in der Galerie nächst St. Stephan auf Video zu sehen sind (bis 31.3.). Wie schon in früheren Arbeiten des Bludenzers, dessen Kunstpraxis längere Zeit im Erlernen von außereuropäischen Sprachen wie Japanisch, Chinesisch und Koreanisch bestand, liegt auch hier sein besonderes Augenmerk auf der in der Sprache impliziten Kulturgeschichte. "Wie heißt das auf Deutsch?" ist eine der häufigsten Fragen der zwischen Mutter- und Emigrationssprache pendelnden Interviewpartner, und immer wieder stellen sie fest, dass so vieles unübersetzbar bleibt. Worte transportieren hier Prägungen eines Österreich, das längst verschwunden ist, aber in der Sprache der Emigranten weiterlebt. Im Unterschied zu Dokumentarfilmen wie "Emigration N.Y." von Egon Humer präsentiert Ganahl die Gespräche ungeschnitten, und sein Interesse gilt ebenso der Gegenwart wie der Vergangenheit seiner Gesprächspartner; zusätzlich zeigt er Fotos ihrer Wohnungen. Unter den Interviewten befindet sich auch John Kallir, der Sohn von Otto Kallir, dessen "Neue Galerie" - die Vorläufergalerie der Galerie nächst St. Stephan - 1938 arisiert wurde.

Am 4.3. ab 20 Uhr findet zum nunmehr 13. Mal die Veranstaltung "Stille" (nach einem Konzept von Hanns Kunitzberger) im Künstlerhaus statt. Diese etwas andere Widerstandsveranstaltung zielt vor allem auf Beharrlichkeit in der Erinnerung an die Bedingungen der Regierungsbildung vor einem Jahr. Diesmal mit Beiträgen von Elisabeth Brainin, Burkhard Stangl, Ruth Beckermann, Rudolf de Cillia (Institut für Sprachwissenschaft Uni Wien) u.a.


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